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Porzellane eines modernen
Künstlers, welche die ehrwürdige
Meißener Manufaktur
— in einer übrigens technisch
mustergültigen Weise
— herausgebracht hat.
Heute haben wir uns nur
mit der einen Seite von
Scheurichs Kunst beschäftigen
können; auf die Arbeiten
Scheurichs als Illustrationskünstler
hoffen wir später
einmal zurückkommen zu
können.
BERLINER
AUSSTELLUNGEN
Die „Berliner Secession" veranstaltet
in ihren Räumen
eine graphische Ausstellung,
die nach alter Sitte keine farbigen
Bilder ausschließt, sofern
sie nur nicht mit Oel gemalt
sind. Durch die Wucht der
Tatsachen, etwa den Fortfall
der äußersten Linken (Neue
Galerie) und das Verstummen
der „Freien Secession'' wird
diese Vereinigung allmählich
zum Mittelpunkt der künstlerischen
Bestrebungen Berlins
und man muß zugeben, daß
sie sich Mühe gibt, ihre Stellung
nicht nur zu behaupten,
sondern immer mehr zu begründen
und weiter auszubauen
. Stünden ihr bessere,
vor allem größere Räume zur
Verfügung, müßte sie nicht
alles peinlich zusammenpferchen
, was sie zu bieten hat,
so würde es noch klarer zur
Geltung kommen, wie interessant
diese Kunstschau zusammengestellt
wurde. Es
war ja auch in früheren Jahren
üblich, ältere Meister, die
allmählich klassisch geworden
sind, gleichzeitig mit den
Jüngsten vorzuführen, aber
hier machte man aus der Not
eine Tugend: da man mit dem
Raum sparen mußte, wurden
Blätter von Greiner, Boehle,
Menzel, Leibi, Marees unter
die anderen verstreut, so, daß
darin wie eine Absicht, wie
eine Herausforderung zum
Vergleichen zustande kam,
die allerdings den Lebenden
etwas gefährlich werden
mußte. Nur die erste Nische
wurde einheitlich mittelalterlichen
Buchmalereien gewidmet
, und gleich stellt sich
auch die starke Wirkung, die
von jeder bewußten Hand-
p. scheurich © mädchen mit lyra
p. scheurich <5b mädchen im kostüm
der achtziger jahre
lung ausgeht, ein. Dieser Teil,
der ebenfalls nach der Absicht
des Veranstalters, Herrn Dr.
Cohn-Wieners, etwa wie ein
Auftakt zur eigentlichen Ausstellung
wirken sollte, befriedigt
mehr in der Idee als in
der Ausführung, da gerade das
hier beigebrachte Material nur
einen dumpfen Begriff von
dem Wesentlichen der Schönheit
der Illuminierkunst vermitteln
kann. Allerdings mußte
mit dem Gut, das gerade zufällig
zur Verfügung stand,
gerechnet werden. Den ungeübten
Besucher empfängt bei
dem Betreten der hellen Räume
ein wahres Chaos von Blättern,
in dem er sich noch nach wiederholten
Besuchen schwer zurechtfinden
kann. Dafür wird
ihm aber schon nach der flüchtigsten
Betrachtung klar, daß
diese Veranstaltung nicht etwa
nur den bekannten und oft genannten
Stützen der Secession
dient, sondern viele von einer
bisher unbekannten Seite zeigt,
und — was ihr wohl am höchsten
anzurechnen ist — daß sie
unbekannte Talente zutage fördert
und mit dem Raum für
sie nicht geizt. Es ist angenehm
zu sehen, daß heckendorfs
Stil, der für Gemälde
sich als zu leer erweist, für
die Zeichnung ausreicht und
ihr gute Haltung verbürgt,
ebenso interessant, zu beobachten
, wie Charlotte Be-
rend, deren zeichnerischen
Stil wir vor einem Jahr in
diesen Räumen an Kindermärchenbüchern
feststellen
konnten, im scharfen Erfassen
von Schauspieler-Erscheinungen
(Pallenberg) sich
sehr geschickt erweist, und
es bereitet wirkliche Ueber-
raschung, Linde-Walthers
Illustrationen zu seinem famosen
,,Hummel-Hummel"
zu betrachten, die in ihrem
trockenen Humor an Busch
erinnern. BüTTNER, dessen
Ausstellung bei Schulte hier
vor einem Monat besprochen
wurde, zeigt eine Reihe von
fein empfundenen und delikat
ausgeführten Exlibris und die
Stickereien Else Hofmanns
nach seinen Entwürfen wirken
sehr originell. scheurich
, dessen Graphik nicht
unbekannt war, stellt köstliche
Illustrationen zu Heines
,,Italien-Reise" aus, lederer
Blätter aus seiner neuesten
Kriegsmappe, spiro Lithographien
aus der Kartographischen
Abteilung des Stell-
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