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MENZELS RADIERUNGEN
Das graphische Werk Adolf Menzels besteht
in der Hauptsache aus Holzschnitten
oder Lithographien, letztere teils mit Kreide,
teils mit der Feder ausgeführt; nur in ganz
geringem Maße pflegte der Künstler andere
Arten von Reproduktionskünsten. Lithographie
und Holzschnitt waren in der ersten Hälfte
des 19. Jahrhunderts besonders in den Vordergrund
getreten. Sie hatten dem Kupferstich,
der im 18. Jahrhundert die führende Rolle
innehatte, den Rang abgelaufen, denn sie waren
im Gegensatz zu ihm wohlfeilere und für die
einen so großen Aufschwung nehmende Buchillustration
praktischere Arten der Reproduktionstechnik
geworden. Die Verfahren der Lithographie
und des Holzschnittes waren im Laufe
der Zeit großen Umänderungen unterzogen;
sie waren einfacher und handlicher geworden
und fanden immer größere Anwendung, während
anderseits der Kupferstich und mit ihm seine
Schwesterkunst, die Radierung, im Anfang des
19. Jahrhunderts wie ein Stiefkind behandelt
wurden. Aber immer wieder hat sie einen
oder den anderen Künstler zu einem Versuch
gelockt, bis sie in unserer Zeit einen außerordentlichen
Aufschwung nahm. Auch Menzel
hat sich in diesem Zweige der graphischen
Künste versucht und ist dabei kaum minder
glücklich und erfolgreich gewesen als
bei den anderen graphischen Verfahren. Für
den Menzel-Sammler und -Forscher ist das
Buch von Dorgerloh über die graphischen
Arbeiten Menzels trotz mancher Lücken und
Mängel immer noch sehr nützlich und die
beste Hilfsquelle. Dorgerloh verzeichnet in
seinem Katalog, der im ganzen 1393 Nummern
von graphischen Arbeiten Menzels bringt, nur
24 Radierungen des Künstlers, eine unverhältnismäßig
kleine Zahl gegenüber den anderen
Werken. Ergänzt wird diese Zahl noch um
einige Blätter, mit denen Menzel technische
Versuche angestellt hat. — Aus Menzels meist
sehr trockenen, unkünstlerischen Briefen lernt
man viel über seine Arbeit kennen; so schreibt
er am 23. Juli 1843 an seinen Freund Karl
Arnold: „Ich mache mich inzwischen mit dem
Radieren bekannt, ich möchte es gar zu gerne
dahin bringen, darin was zu leisten. Es ist
eine ganz andere Sache in jeder Hinsicht."
Dieser Brief bezieht sich auf seine ersten
Versuche auf dem ihm noch unbekannten
Gebiet. Unter dem Titel: Radierversuche von
Adolf Menzel" sind in Berlin im Verlage
Sachse & Cie. 1844 sechs Blatt Radierungen
mit einem Titelblatt erschienen (Dorgerloh
1363 — 1369).
Vier von diesen Blättern zeigen uns kleine
stimmungsvolle Landschaftsbilder, in denen
das Figürliche nur die untergeordnete Rolle
der Staffage spielt. Das erste Blatt bringt
eine flache Wiesenlandschaft mit einem trägen
sumpfigen Gewässer im Vordergrunde, dessen
Ufer von allerlei wirrem Gesträuch und
von großblätterigen Wasserpflanzen eingesäumt
sind. Helle Sonne liegt über der weiten
Ebene, duftig heben sich die Silhouetten der
großen Bäume, eines stattlichen Bauernhofes
und der wenigen Menschen gegen den lichten
Horizont ab. Klarer und härter in der Zeichnung
ist Blatt 3. Hier zeigt uns Menzel eine
Landschaft an einem Bache, an dessen Ufer
sich ein paar Knaben mit Angeln vergnügen.
Aber Menzel erzählt uns keine Anekdote,
sondern er erzählt uns nur von dem zarten
Licht, das über die alte gotische Kirche durch
die hohen Laubbäume dringt und über das vom
Wind leicht gekräuselte Wasser flutet. Stärker
noch legt Menzel in dem Blatte 5 Gewicht
Die Kunst für Alle XXXIII. 1/2. Oktober/1917
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