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entscheidend sind die Ware und das Publikum
. Es ist ja wahr, daß heute oft Preise
bei den Auktionen erzielt werden, die durch
ihre schwindelnde Höhe sogar den kaltblütigsten
Auktionator entsetzen und die den Besitzer
, zu dessen Gunsten sie ausgefallen sind
und der doch das schöne Geld einstreicht,
mehr überraschen als freuen. Diese — wie
ich auch zugebe, unvernünftig hohen, zurzeit
noch nicht gerechtfertigten Preise macht nicht
der Handel, sondern das Auktionsfieber und
der Geldüberschuß, an dem viele infolge des
Krieges „leiden". Das Geld juckt, die meisten
Menschen und nicht bloß die Kinder vertragen
nicht, Geld in der Tasche zu haben. Sie müssen
es ausgeben, wovon schon das nette Märchen
bei Bechstein spricht: der Sparer braucht
einen Vertuer. Das ist nur eine alte Erscheinung
. Sie fällt uns heute nun so sehr auf,
weil wir ja vor dem Kriege nicht gewußt haben,
wie wohlhabend Deutschland ist und weil wir
BENNO BERNEIS f
Ausstellung der Freien Secession, Berlin
ferner gewiß mit Grund sagen, daß so mancher
, der jetzt die leichterworbene Kriegsbeute
verschwenderisch vertut oder wie man
populär sagt, hinaushaut, nach dem Ende des
Krieges und der Kriegsgewinne es bedauern
wird, sein Geld nicht zusammengehalten zu
haben. Wie kann er so unvorsichtig sein!
Hier handelt es sich um eine menschliche
Schwäche und nicht um die Niedertracht einzelner
profitwütiger Händler. So kenne ich
einen Händler, der bei den von ihm geleiteten
Auktionen seine Kunden warnt und der
versucht, sie vor dem leidenschaftlichen Steigern
zu bewahren. Aber gerade das scheint lok-
kend zu wirken und der gute Mann muß an
den hohen Preisen ein schweres Stück Geld
verdienen, in welches Los er sich schließlich
auch ergeben hat. Ob nun der Eigennutz
der Händler, oder die Verblendung der Käufer
an den mit so viel Beunruhigung betrachteten
hohen Preisen schuld sind, kommt vielleicht
weniger in Betracht, als der meistens
vergessene Umstand, daß
hier nicht eine erst im Krieg entstandene
Erscheinung vorliegt.
Im Gegenteil. Die Preise für
gute Kunst sind schon vor dem
Krieg hoch gewesen. Das Auffallende
ist nur, daß sie gegen
die Erwartung der Pessimisten
nicht geringer wurden und das
kommt recht hauptsächlich davon
, daß sehr viel Geld im Land
ist und bleibt, weil der Privatmann
kaum Gelegenheit hat,
Geld nach dem Ausland abzuführen
, endlich legen viel wohlhabende
Leute ihr Geld lieber
in Kunstwerken an, als es sozusagenschimmeln
zulassen; denn
es gibt Menschen, denen es ein
Bedürfnis ist, Geld auszugeben
und die jetzt, wo eine Lebenshaltung
nicht gut möglich ist, wenigstens
geistigen Luxus treiben,
um sich für den Entgang materieller
Genüsse zu entschädigen.
Gemeinhin wird die interessante
und wichtige Frage fast
nur unter dem Gesichtswinkel
des Kriegsgewinnes betrachtet.
Es ist oft zu hören, daß die schon
von früher her reichen Leute und
die eben erst im Kriege reich gewordenen
kostspielige Kunstsachen
zu möglichst hohen Preisen
kaufen, um auf diese Weise der
Kriegssteuer auszuweichen. Jene
BILDNIS
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