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Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 37. Band.1918
Seite: 76
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karl sterrer

windmühle

Vor diesem Künstlerauge wird auch die gewöhnliche
, werktägige Bewegung des Menschen
zur feierlichen Gebärde, vor dieser Inwendigkeit
gewinnt auch das Ungefähre und Nebensächliche
erhöhte Bedeutung. Form und Gehalt
verbinden sich zu einem neuen gesteigerten
Sein, zum Heroischen.

Unter seinen Bildern ist eines, das den
ganzen Künstler vielleicht am klarsten enthält
. In der offenen Zange eines niedrigen
Strandes ruht das Meer, nur lange, seichte
Wasserstreifen tragen noch die Ahnung einer
fernen Bewegung hierher. Es ist Abend, silbern
verdämmert der Himmel. Die Reihen
der verlassenen Boote ragen mit ihren segellosen
Masten zu ihm auf. Einsamkeit und
Stille. Aber die Schiffe sind die der heimgekehrten
, mühsamen Menschen und die Bucht
ein Teil des Meeres, der Hafen der Ferne,
wo die Stürme warten, wohin der Männer
Sehnsucht will. Das ist der junge Sterrer:
zweifach und einfach, ein Bildner und ein
Innenmensch — ein deutscher Künstler.

Die Zukunft wartet auf ihn. Denn sie braucht
deutsche Künstler.

Max Eisler

EDGAR DEGAS f

Degas ist dreiundachtzigjährig in Paris gestorben
. Er war der Maler der Rennbahnen und
des Balletts, der kleinen Wäscherinnen und des
Lebens auf den Boulevards, Stoffe und Dinge, die
tausend andere vor ihm und neben ihm malten —
und doch keiner so wie er. Denn es ist eine ganz
eigene Art, wie Degas die Dinge ansieht, die er
scheinbar photographisch abschildert, tatsächlich
aber in strengstem Stile komponiert. Er riskiert,
Haltungen und Gesten darzustellen, die kein anderer
vor ihm gemalt. Muther nennt ihn den „Meister der
aufgelösten Komposition". Das darf nicht mißverstanden
werden. Es ist stärkste Komposition in
allen Bildern Degas', aber mit seiner neuen Art
der Komposition überwand er, zersetzte er die bis
dahin herkömmliche Bildkomposition. Er besiegte
die Trägheit des Auges — darin vielleicht ein
Schüler der Japaner, deren Farbenholzschnitte er
sehr liebte und schätzte. Indessen setzt er Farben
und Töne nebeneinander, auf die die Japaner
nie verfielen. Auch sein malerischer Ausdruck ist
westlicher, gelöster. Mit seinem Lieblingsmaterial,
dem Pastellstift, zaubert er die weichsten, nur ihm
gehörenden Effekte hin: man hat oft Angst, seine
Bilder möchten einem vor den Augen zerflattern,
sich in feinen Duft auflösen. Das empfindet man
besonders vor seiner in kühner Bewegung gleichsam
aus dem Bildrahmen herausfliegenden Balletteuse
im Luxembourg, die neben seinem „Baumwollekontor
in New-Orleans" sein Hauptwerk ist.

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