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Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 37. Band.1918
Seite: 87
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NORBERT GRUND

SELBSTBILDNIS
DESKÜNSTLERS

NORBERT GRUND

Am Kohlmarkt in Prag konnte man um das
l. Jahr 1750, ach wie oft, ein paar armselig
gekleidete Kinder sehen, die den Vorübergehenden
noch nasse Bildchen zum Kaufe
anboten. Sie verlangten und erhielten dafür
einen Bettel, zwei oder drei, wohl auch nur
einen einzigen Gulden, und es schien fast,
das Geld sei von gutmütigen Menschen mehr
wie ein Almosen hingegeben worden. Als vollgültiger
Gegenwert wurden die Bilder von den
Käufern kaum anerkannt. Denn es fehlte ihnen
Größe des Gegenstands und des Formats,
nicht minder jene sorgfältig tüftelnde Technik,
die damals als die Grundbedingung der soliden
Malerei galt.

Es waren die Kinder Norbert Grunds,
die unter Ausstellung ihrer Armut für die
Kunst ihres Vaters warben. Grund ging es
bitter schlecht. Jung hatte er geheiratet, ein
armer Maler ein armes Mädchen, und die Kinder
, die heranwuchsen, ein ganzes Rudel in
dem einen winzigen Stübchen, schrien nach
Brot. Einmal hat er sich selbst in all seinem
Elend mitsamt seiner traurigen Umwelt konterfeit
. Auf dem Bildchen — in Prager Privatbesitz
— schaut man in eine erbärmliche, armselige
Kammer hinein. Eine Staffelei steht

darin, auf der Staffelei ein halbfertiges Porträt
, ein paar unverkaufte Bilder hängen an
den Wänden. Außerdem sieht man ein Bett,
eine Wiege, einen jämmerlichen Kleiderkasten
. Frau Grund hält ein Kind auf dem
Schoß. Es scheint geschrien zu haben. Da
hat der junge Künstler und Vater Pinsel und
Palette weggelegt und zur Violine gegriffen.
So steht er jetzt im Zimmer: mit der Geige
Tönen das ungebärdige Kindergeschrei beschwichtigend
und ein Stückchen Schönheit,
den Schimmer einer besseren, helleren Welt,
in den Bezirk seiner Armseligkeit tragend.

Dieses merkwürdigste aller Selbstbildnisse
steht fremd im sonstigen Werke Norbert
Grunds. Denn was er zu malen und darzustellen
pflegte, das ist jene lebenslustige, leichtsinnige
, frohe und graziöse Welt des beginnenden
Rokoko, die scheinbar ohne Hemmungen
dem Genuß hingegeben war. Wie bei den französischen
Malern, die von Watteau ausgehen,
sieht man auch auf Grunds Bildern Konversationen
, Schäferszenen, Komödien, Allegorien
der Jahreszeiten, Gartenerlebnisse, heitere
Schmausereien, also Situationen, die Grund
keineswegs aus eigener Anschauung kennen
konnte. Denn er war immer arm gewesen und

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