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Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 37. Band.1918
Seite: 138
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_37_1918/0168
RODIN f

Auguste Rodin ist im Alter von
77 Jahren am 10. November in
Paris gestorben.

Nach seinem großen Maler Edgar Degas
hat Frankreich nun auch seinen großen
Bildhauer verloren, und nicht Frankreich allein
hat ihn verloren. Für das Genie gelten die
Grenzpfähle nicht, die Menschenwitz und
Menschenberechnung aufrichten; Rodin gehörte
der ganzen Welt, gehörte allen, in denen für
die Dinge der Kunst freudige Begeisterung
glüht.

Rodin steht vor uns wie ein Wesen ohne
Anfang und Ende; sein Name scheint mehr
einen Begriff als ein Individuum zu decken.
Die Entwicklung, die Rodins Kunst nahm in
den mehr als fünfzig Jahren, die er in unermüdlicher
Kraft seinem Fache diente, verschwindet
vor der Gesamtheit der starken,
nur durch ihn möglichen, in der Intensität
ihrer Stimmung gleichartigen Eindrücke, die
man seinem Werke dankt. Rodin war stärker
als alle Einflüsse und Anregungen um ihn.
Man merkt in seinem Werk kaum Anfänge.
Schulzusammenhänge und Schülerabhängigkeit
sprechen bei ihm nicht mit: er war ein Meister
von Anfang an, und uns Jüngeren will die Vorstellung
kaum eingehen, daß auch Rodin einmal
jung war und kämpfte und um Anerkennung
ringen mußte. Für uns scheint er so
fertig von Anfang an, so patriarchalisch und
ehrwürdig wie in seinen reifsten Jahren. Seine
Werkstätte in Meudon aber ist für uns die
Ausgangsstätte einer epochalen Kunstbewegung
und wir überschreiben mit Meudon ein
Kapitel neuzeitlicher Kunst, wie wir es mit
Barbizon und Batignolles tun. Und doch wieder
anders. Denn während Barbizon und das Atelier
von Batignolles Ausgangspunkte einer ganzen
Schar von tüchtigen Leuten waren, die ein
Menschenleben lang im Bann der Morgenweihe
standen, die ihre Kunst von Millet oder von
Manet erfahren, ist Meudon nur Rodin, Rodin
allein. Dieses Kapitel der europäischen Kunst
ist erfüllt ganz und gar von dieser einzigen
Persönlichkeit und ihrem Werk. Für ihn und
um ihn gab es keine Mitläufer: Der Mann
war ihnen zu groß. Er besaß das als Künstler,
was Michelangelo besaß und vor diesem die
Griechen: einsame Größe,Größe ohneKrampf-

Wir verweisen auf unsere großen illustrierten Aufsätze über
Rodin, in denen wir einen bedeutenden Teil des Gesamtwerks
abgebildet haben, Jahrgang 1904/05 Aprilheft und 1910/11
Oktoberheft.

haftigkeit, ohne Bizarrerie. Eingeborene, unnachahmliche
Größe.

Rodin wies es zurück, wenn man seine Werke
»originell" nannte. „Originalität im Sinne des
Publikums hat mit wahrer Kunst nichts zu
tun", sagte er einmal. „Jawohl, es gibt Künstler
, die nicht die Ausdauer haben, auf die
Stunde zu warten, da die wirkliche Begabung
in ihnen aufwacht und die deshalb das Bizarre
aufsuchen, das Außergewöhnliche des Gegenstands
und der Form — beides fern von der
Wahrheit. Das nennen sie dann ,originell'.
Mit der Kunst hat dies aber nichts zu tun."
Und ein andermal nahm er, gleichfalls in einem
Gespräch mit Judith Cladel, die auch den obenstehenden
Ausspruch schriftlich festgehalten
hat, diesen Gedanken von der Originalität
des Genies und von dem „Wahn", den Lom-
broso dem Genie als eigentümlich vindizierte,
auf und äußerte sich folgendermaßen: „Das
Genie ist die Ordnung selbst, eine Vereinigung
von Fähigkeiten des Maßes und des Gleichgewichts
. Man hat meine Kunst oft als Werk
eines Exaltierten beschrieben. Ich bin das
Gegenteil von einem Exaltierten. Mein Temperament
ist vielmehr ein wenig schwerfällig
und überaus sanftmütig. Ich bin auch kein
Träumer, sondern ein Mathematiker, und meine
Bildhauerei ist gut, weil sie das Produkt geometrischer
Ueberlegungen ist. Ich leugne nicht,
daß man in meinen Werken Exaltationen finden
kann, aber nur deshalb, weil es diese
auch in der Wirklichkeit gibt. Die Exaltationen
haben nicht ihren Grund in mir, sondern in
der bewegten Natur."

Mit solchen, große Perspektiven auftuenden
Selbstbekenntnissen ausgerüstet, läßt sich mit
der Hoffnung auf fruchtbare Betrachtung an
Rodins Werk herantreten. Nun empfindet man,
wie und warum in diesen Werken Gesetzmäßigkeit
die Phantasie bändigt, wie bei den Porträtbüsten
das psychologische Moment triumphiert,
wie bei den großen Figurengruppen das Prinzip
der Diagonalwirkung mit strengster Konsequenz
aller scheinbaren Willkürlichkeit zum Trotz
durchgeführt ist und wie bei jeder Arbeit von
vornherein auf die Materialwirkung (Bronze
oder Marmor) geachtet wird. In dieser selbstauferlegten
Disziplin wird uns Rodin nicht
kleiner und seine Kunst erscheint uns dadurch
nicht gehemmter. Denn nirgends ist unelastische
Rezeptmäßigkeit. Die Größe reinster Empfindung
und künstlerischer Gestaltung bis ins
Kleinste bleibt bestehen; auch in ihrer Wirkung
auf den Betrachter Rodinscher Werke.

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