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FRANZ METZNER
Persönliche Eindrücke — ich meine Eindrücke
von der äußeren Persönlichkeit
eines Künstlers her — sind ja oft irreführend.
Aber hier muß ich doch davon sprechen.
Es sind jetzt fünfzehn Jahre her, daß ich den
jungen Bildhauer Franz Metzner kennen lernte
— und lieben lernte. So sehr, daß ich das tat,
was für das liebe „Federvieh", fontanisch zu
reden, stets der Reflex der Liebe (wie des
Hasses) ist: ich schrieb einen Aufsatz — es war
der erste, der über Metzner erschien, worauf
ich immer ein wenig stolz gewesen bin. Damals
war er ein schmaler junger Mann vom Ende
der Zwanzig, mit einem zarten Gesicht, in dem
unter mächtig dräuender Stirn ein paar tiefliegende
Augen hervorglühten. Sein Name war
gerade durch Arbeiten für die Berliner Königliche
Porzellanmanufaktur bekannt geworden.
Ein ungeeigneteres Material für Metzner war
nicht auszudenken als dieser weichliche, zerbrechliche
, zierliche Stoff, und er mußte gleichsam
gegen seinen Willen dazu dienen, die Eigenart
des merkwürdigen Bildhauers zu entwickeln,
der mit ihm zusammengeraten war; davon wird
noch ein Wort zu sagen sein. Damals war
alles im Werden, der Künstler wie der Mensch.
Dann sah ich Metzner viele Jahre nicht.
Nicht nur während seiner Wiener Zwischenzeit
, auch nach seiner Rückkehr nach Berlin
begegneten wir uns niemals — das berichte
ich nicht, weil ich diesem Ereignis eine allgemeine
Bedeutung zuschreibe, sondern weil
sich in ihm die eigentümliche Art des Berlinischen
Kunstlebens spiegelt, das so wenig
Zusammenhänge bietet. Als ich ihn aber im
letzten Winter wieder traf, wollte ich nicht
glauben, daß er es sei. Aus dem zarten,
schmalen Jüngling war ein breitschulteriger
Mann von erheblicher „Stattlichkeit" geworden
. Kräftig, fest, eisern.
Eine so unerhörte Veränderung erschien mir
zuerst fast rätselhaft, auch für einen Zeitraum
von anderthalb Jahrzehnten. Aber dann fing
ich an zu begreifen. Selten hat ein Künstler
in so gerader Linie die Elemente seines Wesens
entfalten dürfen, wie es Metzner beschieden
war. Selten war es einem vergönnt,
das, was er in sich rumoren fühlt, so völlig
„werden", Gestalt annehmen zu sehen. Wovon
er als Anfänger träumen mochte — die
Vollkraft seiner Jahre hat es ihm geschenkt.
Die Erfolge sind ihm wahrlich nicht in den
Schoß gefallen. Es ist eine ungeheure Arbeit,
die hinter dem Achtundvierzigjährigen liegt.
Unter den Porzellansachen, die er seinerzeit
um des lieben Broterwerbs willen knetete,
gab es sehr harmlose, aber auch sehr seltsame
, erregende Stücke. Neben graziösen
Frauenleibern, die sich schimmernd emporreckten
und dehnten, tauchten plötzlich aus
fließenden farbigen Glasuren Köpfe und Halbfiguren
auf, die aus ganz anderen Regionen
in die Königlich Preußische Töpferei hineingeraten
zu sein schienen. Sie hatten mit dem
Sinn und den Voraussetzungen der tonigen
Porzellanerde gar nichts zu tun, gehörten gar
nicht hierher, wenngleich auch sie das Verdienst
für sich in Anspruch nehmen durften,
zur Verjüngung der Berliner Manufaktur Wesentliches
beizutragen. Aber sie erzählten anderes
, Wichtigeres. Erzählten von den ungeborenen
Gesichten einer gewaltigen Künstlerphantasie
, die auf ganz neue Wege fahndete.
Zugleich sah man damals eigene Werke
Metzners, die er, ohne äußeren Antrieb, ohne
Bestellung, auf gut Glück für sich gearbeitet
hatte. Eins davon ist bekannt geblieben und
berühmt geworden: die Büste des „Vegetariers
", der durch die Eigentümlichkeit seiner
hageren Gesichtsbildung dem jungen Plastiker
erwünschten Anlaß gab, innere Formvorstellungen
in greifbare Wahrheit umzusetzen.
Und was für überraschende Formvorstellungen
! Wir trieben damals noch durchaus in
der Strömung, deren Quelle der Naturalismus
war. Die lebendige Schönheit des Wirklichen
aus dem besonderen Temperament zu deuten,
war das Ziel, ob man es nun, wie Rodin, im
Reichtum der neuerkannten Vielfältigkeit studierte
, oder, wie Adolf Hildebrand und die
Seinen, auf die vereinfachende Sprache der
Antike und der Renaissance zurückführte. Hier,
bei dem jungen Metzner, grüßte ein Neues.
Ein bisher unbekanntes, oder einige Jahrhunderte
vergessenes Streben zum Typischen —
aber nicht zum Typischen in der Menschenerscheinung
, sondern zum Typischen in den
Gebilden des Raumes. Der Raum selbst wollte
Gestalt annehmen und brauchte dazu als Mittel
menschliche Formen. Der abstrakte Grundgehalt
aller plastischen Arbeit wagte es, sich unmittelbar
auszudrücken. Entschlossen ward
das Prinzip des Analytischen, das vom malerischen
Impressionismus in die Bildnerei hineingeglitten
war, beiseite geschoben und ein unbekannter
Weg zur Synthese eingeschlagen.
Ohne daß Metzner es sich grüblerisch klar
gemacht hätte, rein aus seinem Instinkt heraus
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