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FRITZ BAYERLEIN
Große Berliner Kunstausstellung
WINTERMORGEN
DIE GROSSE BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG 1917. II. TEIL*)
Zum zweitenmal sieht sich die Große Kunstausstellung
gezwungen, nach den schönen,
aber so sehr beschränkten Räumen der Kgl.
Akademie der Künste umzusiedeln, doch tut
sie es diesmal vermutlich mit einem anderen
Gefühl als vor zwei Jahren. War damals dies
die einzige Möglichkeit, weiteren Kreisen zu
beweisen, daß man noch lebt und sich rührt,
so ist die jetzige Ausstellung nur der zweite
Teil der Kunstschau, deren erster in Düsseldorf
mit großem Erfolg gezeigt wurde. Dagegen
hat man jetzt, wie auch sonst, Gäste aus München,
Dresden, Düsseldorf, Karlsruhe u. a. eingeladen
und die wenigen Wände schlecht und recht
mit ihnen brüderlich geteilt. Die notwendige
Einschränkung gerät aber ihrem Gesamteindruck
zum Vorteil, denn längst schon hat der
•) Die erste Abteilung der Ausstellung wurde in Düsseldorf
gezeigt, s. unseren Aufsatz im Septemberheft 1917.
neuzeitliche Besucher die Geduld verloren,
ganze Fluchten von Sälen mit Kunstwerken
durchzueilen: alles wirkt hier eindringlicher,
als in „Moabit", was ja zum Teil auch an den
intimeren Räumen liegen mag. Der Krieg beherrscht
nicht mehr so stark wie früher die
Bilder und unter den Bildnissen kommt der
zivile Rock und das Frauenkleid immer mehr
zur Geltung. Der Oberbürgermeister Reicke,
gemalt von seiner Frau, hat eine saloppe
Haltung, die im angenehmen Kontrast zum
feierlichen Frack und der Goldkette steht;
ein anderes Frackbild, das von Björn Björn-
son von Julie Wolfthorn, ist wieder ganz
auf das Farbige einer Theaterloge abgestimmt.
Aehnlich als Farbenproblem angelegt ist das
Frauenbildnis von Fritz Erler, wogegen in
dem Exzellenzherrn von Fritz Buroer, so
licht er in der Haltung sein mag, vor allem
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