http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_37_1918/0285
A. BÖCKLIN
VENUS AMOR ENTSENDEND a GEMÄLDE VON 1860
trotz aller Frische neben der Kopie fast klassizistisch
. Auch das Kolorit ist bei Böcklin
neu. Es ist das, was dem kleinen Werke seinen
ganz eigenartigen Reiz verleiht. Das Karnat
wird statt durch das schöne Rot durch Blauviolett
und Rosa gehoben, dazu gesellt sich
noch als sehr wirkungsvoller Ton das Blattgold
am Körbchen. Die Haare des Mädchens, im
Vorbild blond, sind hier rötlich, nicht aber braun
wie die Abbildung vermuten läßt.
Anlehnungen an Raffael finden sich in dem
Brustbilde einer Vestalin bei M. von Heyl, wo
die Anordnung recht auffallend an die „Madonna
mit den Kandelabern" in der Londoner
Nationalgalerie erinnert und in dem Mittelbilde
der „Mariensage" in Freiburger Privatbesitz.
Hier erscheint die Gottesmutter wie auf der
Sixtinischen Madonna in der Tiefe zwischen
zwei Vorhängen. Als ein Anzeichen, daß der
Meister den großen Urbinaten keineswegs ablehnte
, dürfen diese Bilder jedenfalls aufgefaßt
werden. Mündlich hat er sich zu verschiedenen
Zeiten seines Lebens, in späteren Jahren auch
zum Verfasser dieser Zeilen, mit unverkennbarer
Hochachtung über den Urbinaten ausgesprochen
. Aber selbst die Schöpfungen der
jüngeren und manierierteren Meister der ersten
Hälfte des 16. Jahrhunderts, wies er nicht ohne
weiteres von sich, so daß er gelegentlich nach
Italien fahren konnte, ausdrücklich zum Zwecke,
sich die Fresken von Correggio und Luini anzusehen
, als er selbst ähnliche Aufgaben zu
lösen hatte. In diesem Zusammenhange erscheint
es vielleicht nicht allzu kühn, wenn
ich die Vermutung ausspreche, daß die Geburt
Christi in dem Triptychon der „Mariensage",
namentlich die Gebärdensprache der Maria,
durch die — freilich viel gefälligere — Anbetung
des Neugeborenen in der Tribuna der
Uffizien von Correggio angeregt worden ist.
Böcklin hat sich aber auch Werke von Künstlern
gemerkt, die ihm noch weit ferner standen.
Bei seiner „Venus, die den Amor entsendet"
lehnt sich nicht nur das Kolorit, sondern auch
die Komposition an ein bekanntes Werk der
Dresdener Galerie an, aber nun nicht etwa an
eines der drei Venusbilder aus der Schule von
Venedig, sondern an die Venus von Guido Reni
(Abb.S. 242 u. 243). Es sieht freilich fast so aus,
als ob den modernen Künstler hier mehr der
Widerspruch als die Bewunderung gereizt habe.
Das Charakteristische des Vorbildes, die Geziertheit
, die namentlich in der linken Hand zur
Geltung kommt, ist verschwunden, auch der
glatte Fluß der Linien ist aufgegeben. Dafür
ist bei Böcklin Ausdruck und Gebärde leiden-
243
33*
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_37_1918/0285