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CARAVAGGIO
GRABLEGUNG B PINAKOTHEK DES VATIKAN
schaftlicher geworden und auch sachlicher und
natürlicher. Man glaubt eine Italienerin reden
zu hören, während die Göttin des Italieners
der Wirklichkeit weiter entrückt ist und, wenn
wir nicht irren, nicht mehr den Charakter eines
bestimmten Volkes aufweist.
Fast noch merkwürdiger ist eine Anleihe,
die der Meister in seinen letzten Lebensjahren
bei der berühmten Grablegung des Caravaggio
in der Galerie des Vatikan gemacht hat. Sie
ist auch bedeutungsvoller, denn sie sieht wie
eine Huldigung aus (Abb. S. 244). Die ausgestreckten
Arme der Pest in der zweiten Fassung
seines „Krieges" von 1896/7, vor allem aber
die Art, wie diese Arme innerhalb der Komposition
als stärkster Akzent wirken, sind offenbar
der Gestalt der Magdalena entnommen.
Auch hier ist bei Böcklin der Ausdruck in
jeder Linie gesteigert und nervöser geworden.
Sonst freilich kann sich sein Spätwerk nicht
mit dem des Caravaggio messen.
Daß er aber diesem Barockkünstler seinen
Tribut gezahlt hat, darf uns nicht allzusehr
befremden. Eine ganz auffallend große Zahl
von Malern verschiedener Nationen und Richtungen
hat ihm unzweideutig ihre Verehrung
bezeigt, während ihn die ältere Kritik bis auf
Jakob Burckardt ablehnte. Es schätzten ihn
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