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man sich gegen diejenige Art von Dichtung,
die nur „schön" sein wollte und nichts weiter.
Man wollte nicht Dichtungen um ihrer selbst
willen, l'art pour l'art, wie der Impressionismus
; man forderte engste Fühlungnahme der
Dichtung mit dem Leben und seinen Forderungen
, man wollte Dichtung der Menschlichkeit,
Dichtung der Tat, „Aktivismus", Aenderung
der Welt mit Mitteln des Geistes, kurz: politische
Dichtung. Dort wurde also der Geist
politisch, aber er wurde es in einem sehr unpolitischen
, apolitischen, wahrhaft antipolitischen
Sinne. Denn politisch sein hieß hier
nicht mehr und nicht weniger als tätig sein
für den Geist, im Dienste des Geistes, im
Bewußtsein des Gedankens einerneuen Menschlichkeit
. Und Programmschriften, Manifeste,
Pamphlete und künstlerische Produktionen
dieses literarischen Expressionismus klangen
oft aus in den Ruf nach Menschenliebe, Güte,
Brüderlichkeit. Aber dennoch sind es nicht
diese Dichter, die, verführt von der materiellen,
agitatorischen Macht des Wortes, letzten Endes
doch außerkünstlerischen Zwecken dienen, die
gemeint sind, wenn man sich versucht fühlt,
auch in der modernen Dichtung von einer
neuen Gnosis zu sprechen. Dann denkt man an
Theodor Däubler, den Sänger theogonischer
undkosmogonischer Symphonien, an Christian
Morgenstern, den gedankentiefen Lyriker
Goethischer Diktion, dessen reine Gebilde aus
dem Metaphysischen ihr Lebensblut saugen,
und man hat Albert Steffen im Auge und
F. A. Schmid-Noerr, der in seinem ,EcceHomo'
mit zwingender Wucht das „Erkenne dich
selbst" des Christentums und der christlichen
Mystik, des delphischen Apollontempels or-
phisch tiefes Wort erneut ins Herz der Zeit
hämmert. Um Zeitschriften und Persönlichkeiten
kristallisieren sich Neokatholizismus,
Theosophie und Mystik. Es sind Zeichen der
Zeit, wie die Mannheimer Ausstellung, die Anlaß
und willkommene Gelegenheit zu diesen
Ausführungen geboten hat. Und ihre Bedeutung
ist in erster Linie eine symptomatische.
Wer näher zusieht, spürt auch im Verzerrten
und scheinbar Sinnwidrigen die Dynamik und,
selbst einbezogen in Spiel und Gegenspiel der
Kräfte, erstaunt er angesichts des über alles
wundersam geschlungenen Weges der Entwicklungsgeschichte
. Kurt Reinhardt, München
Das wahrhaft Große und Schöne ist selten zugleich
ein Blender, sondern wie es nicht in einem
Moment entstanden und geschaffen ist, so läßt es
sich auch nur nach und nach seinem vollen Wert
gemäß würdigen. Stauffer-Bern
MAX SLEVOGTS FRIES FÜR EIN
MUSIKZIMMER
Der Musikzimmerfries von Slevogt, der
in der letzten Ausstellung der „Freien
Secession" in Berlin gezeigt wurde (Abb. S. 287),
stellt eine freie Illustration zu den Motiven
der „Zauberflöte" dar, und als solcher ist er
ein interessantes Experiment, da hier ein Künstler
, dessen sprudelnde Phantasie ihn zum Illustrieren
von Büchern geradezu prädestiniert,
sich auf dem Gebiet der dekorativen Malerei
eigentlich zum erstenmal versucht, wenigstens
zum erstenmal vor der Oeffentlichkeit. Dieser
Versuch ist auch nicht ohne prinzipielle
Bedeutung, denn hier wird keineswegs auf
die impressionistische Art, als deren Vertreter
Slevogt sich bekennt, verzichtet, sondern es
wird eben gewagt, mit dieser Technik, die
allgemein als nur für das Tafelbild geeignet
angesehen wird, eine Wandfläche, wenn auch
nur in der beschränkten Form eines Frieses
zu füllen. Und da ist es nun bezeichnend, daß
der Künstler zu gewissen altbewährten Mitteln
der Wandmalerei zu greifen sich nicht scheut,
als da sind: der Goldgrund und die festen
Umrisse der Figuren. Das letztere ist allerdings
nur in bedingtem Maß zu verstehen;
fest ist die Kontur nur im Gegensatz zu den
sonstigen Bildern der impressionistischen Richtung
. Denn auch hier setzt die Begrenzungslinie
öfters aus und verzichtet nicht auf den
prickelnden Reiz der intermittierenden Silhouette
, namentlich an den Stellen, wo die
Beleuchtung den Umriß wegfrißt. Aber auch
sonst mag man in dem scharfen Herausholen
der Kontraste und der Folien bei der Farbenverteilung
, beispielsweise in der Gegenüberstellung
der duftig zarten Töne des Liebespaares
mit dem samtschwarzen Monostatos,
oder in der Steigerung der Farbigkeit überhaupt
(gegen die sonstigen gebrochenen Töne
der Naturstudien) eine Konzession an die Erfordernisse
des dekorativen Stiles erblicken.
Zum Schluß wäre noch die streng symmetrische
Anordnung des Frieses zu erwähnen:
der linken Gruppe der „Königin der Nacht"
mit ihrem Gefolge entspricht rechts die Priestergruppe
mit Papagena und rahmt so die
ganze Komposition pfeilerartig ein, in deren
Mitte die hüpfenden Tänzer eine wohltuende
Lockerung des Zuges herstellen. Die Mittelfigur
des hellen Fauns glaubt Slevogt dabei
nicht entbehren zu dürfen. So erklärt es
sich, warum die Farbenfreude des Ganzen
durch die streng lineare Fassung keineswegs
beengt, sondern gehoben und gesteigert erscheint
, j. beth
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