Universitätsbibliothek Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 37. Band.1918
Seite: 289
(PDF, 124 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_37_1918/0333
RENEE SINTENIS

In die Selbstbildnis-Maske der Bildhauerin
(Abb. S. 288) ist schicksalsschwere Schönheit
gebannt: von den schwellenden, fast schon
aufgeworfenen Lippen und den angezogenen
Nasenflügeln geht eine Fülle lebensfroher
Bejahung, die sich in der Region der Augenhöhlen
zu einem fatalistischen Brüten verdichtet
. So sind ihre Plastiken auch; in diesen
kleinen Dingern, die man bequem in die
Hand nehmen kann und von allen Seiten zu
betrachten die Möglichkeit hat, lebt eine Kon-
zentriertheit des Ausdrucks, die anscheinend
auch schon durch das Format bedingt ist.
Die Künstlerin geht von einer frischen Naturbeobachtung
aus, irgend eine zufällige Gebärde
oder Haltung entflammt ihre Phantasie
und wird zum Zentrum der Gestaltung. In
analoger Weise wird ein Schönheitstypus für
sie zum Kanon und das ist der überaus schlanke
Frauenkörper mit scharfem Tailleneinschnitt,
wie bei archaischen Skulpturen, mit wenig
hervortretenden, doch spitz betonten Brusterhebungen
, auf sehr fest gefügten Beinen.
Und nun entstehen auf dieser Grundlage einmal
ein Torso von untadeligen, gleichsam klassischen
Formen (Abb. S. 293), ein andermal
eine Stehende mit etwas exotischem Anflug,
deren eingezogenen Ellbogen und Knien eine
lebendige Spannung anzusehen ist, dann ist es

wieder in seiner Frontalität ein fast hieratischer
Frauenkörper in Goldbronze (Abb. S. 291)
und bisweilen löst sich die Straffheit in einen
malerisch weichen Zug auf, wie es in der zarten
Daphne (Abb. S.290), die so wenig von der Ber-
ninischen Schwester hat, zum Ausdruck kommt.

Das scharfe Erfassen der Formen der belebten
Natur führt Renee Sintenis von selbst
zur Stilisierung. Der erhaschte Eindruck prägt
sich ihr mit solcher Intensität ein, daß er —
fast unbewußt — zum Schema, zur Formel
wird. Das tritt sehr deutlich bei Tier-Plastiken
zutage, in denen die Künstlerin sich
bereits einen guten Namen erworben hat. Ein
Fohlen, wie es mit dem auf die Vorderbeine
verschobenen Gleichgewicht, mit angezogenem
Schädel, drollig in seiner Bedächtigkeit, dasteht
, wird geradezu zum Symbol eines jungen
Pferdes (Abb. S. 296), ebenso ein junges Reh
(Abb. S. 289), das im plötzlichen Erschrecken
in die Knie der überlangen Beine gesunken ist,
oder der schlafende Steinbock (Abb. S. 296),
dessen geschlossener Umriß sich zu einem
horizontalen Block von latentem Formenreichtum
gestaltet. Die durchweg in Wachs modellierten
Figürchen werden nach dem Guß
von der Bildhauerin noch einmal durchgearbeitet
und diesem Umstand verdanken sie
ihre lebendige Oberfläche. Ignaz Beth

renee sintenis

junges reh
(bronze)

Die Kunst für Alle XXXIII.

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