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JOSEF NAVRATIL
Staatsgalerie, Wien
räumliche Tiefe. Der Geist macht sich nur
schwer mit diesem Begriff vertraut. Er stellt
sich deutlich nur Oberflächen vor. Formen
in stofflicher Dichtigkeit zu denken, fällt ihm
schwer. Aber gerade das ist eure Aufgabe.
Vor allem stellt bei den Figuren, die ihr bildet
, klar die Gesamtanlage fest. Betont kräftig
die Stellung, die ihr jedem Körperteil, Kopf,
Schultern, Becken, Beinen gebt. Die Kunst
verlangt Entschiedenheit. Nur durch klar angegebenes
Zurückfliehen der Linien taucht ihr
in den Raum und bemächtigt euch der Tiefe.
Wenn eure Anlage im großen festliegt, ist schon
alles gefunden. Eure Figur lebt schon. Die Einzelheiten
entstehen und fügen sich schließlich
von selbst ein. Wenn ihr modelliert, denkt niemals
in Oberflächen, sondern in Räumen.
Euer Geist fasse jede Fläche als die Endstelle
einer Masse, die
von hinten her drängt.
Stellt euch die Formen
vor, als drängten und
wüchsen siegegeneuch.
Alles Leben kommt aus
einem Mittelpunkt, dann
keimt es und breitet sich
von innen nach außen
aus. Desgleichen fühlt
man in einer guten
Skulptur immer eine
mächtige, von innen
drängende Kraft. Das
ist das Geheimnis der
antiken Kunst.
Ihr Maler, beobachtet
ebenso die Wirklichkeit
in ihrer Tiefenausdehnung
. Betrachtet zum
Beispiel ein Bildnis von
Raffael. Wenn dieser
Meister eine Person von
vorn darstellt,läßter die
Brust in schräger Richtung
zurücktreten, und
gibt so den Eindruck der
dritten Dimension.
Alle großen Malergehen
ins Räumliche. In
der Kenntnis des Räumlichen
liegt ihre Stärke.
Denkt daran: es gibt
keineStriche,es gibtnur
Massen. Wenn ihr zeichnet
, kümmert euch nie
um den Umriß, sondern
um dasKörperliche. Das
Körperliche bestimmt
die Kontur.
Uebt euch ohne Unterlaß. Ihr müßt ganz
in der Arbeit aufgehen.
Die Kunst ist nichts als Gefühl. Aber ohne
die Kenntnis der Massen, Verhältnisse, Farben,
ohne die Geschicklichkeit der Hand ist das
lebhafteste Gefühl gelähmt. Was würde aus
dem größten Dichter werden in einem fremden
Lande, dessen Sprache er nicht kennt? Unter
der neuen Künstlergeneration gibt es leider
sehr viele Dichter, die das Sprechen nicht
lernen wollen. Daher stammeln sie nur.
Habt Geduld! Verlaßt euch nicht auf die
Eingebung. Sie existiert nicht. Die einzigen
Tugenden des Künstlers sind Ueberlegung,
Sorgfalt, Ehrlichkeit, Willensstärke. Schafft
euer Werk als redliche Arbeitsleute.
Seid wahr, ihr jungen Leute. Das heißt
jedoch nicht: Seid auf eine platte Weise genau.
TÄNZERIN
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