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ADOLF THOMANN
BEGEGNUNG
Wand? Größe atmen so manche Tafelbilder
des Altmeisters Hans Thoma, während das
zierliche, blaß ausgemalte Linienwerk, mit
dem er in der Karlsruher Kunsthalle die
Wände der Thomakapelle ausgemalt hat, durchaus
zur Kleinkunst gehört. Wer in den letzten
zehn Jahren auf den Ausstellungen der
Münchener Secession, zu deren tüchtigsten
Mitgliedern ergehört,die BilderAdolfThomanns
gesehen hat, jene friedvollen, klarumrissenen
Schilderungen aus dem Leben des Landvolkes,
die im buntschillernden Garten der Münchener
Impressionisten wie breite, kühlbeschattete,
wohlgemauerte Ruheplätze standen, der weiß
dann auch, daß der Schweizer Maler zu jenen
wertvollen Baumeistern zählt, die, in der Art
Böhles einfach, derb und ein wenig ehrenfest
schaffend, der monumentalen Malerei des
nächsten Zeitalters redlich vorarbeiten.
Adolf Thomann ist 1874 in Zürich geboren,
aber schon Anfang der neunziger Jahre sehen
wir ihn in seiner zweiten Heimat, in Deutschland
, das er dann erst mit Kriegsbeginn verlassen
hat, aus dem für ihn bezeichnenden
Gefühl heraus, daß in dieser Zeit seine starken
Arme, die auch den Pflug, die Sense,
nicht zuletzt die Flinte zu führen wissen,
seinem Vaterland gehören. Von seinem Leben,
das sich nach den ersten, in Karlsruhe zugebrachten
Lehrjahren fest in München verankert
, läßt sich wenig erzählen. Das klar-
umrissene Gleichmaß seiner Bilder kehrt hier
wieder, es gibt da, während doch München
der Wohnsitz bleibt, längere Aufenthalte in
Paris, in Rom, 1911 sogar in Syrien, allein
man kann nicht sagen, daß sie seine schwere
Art flüssiger machen. Fruchtbarer und nachhaltiger
ist ein 1910 auf der Insel Texel im
Zuidersee verlebter Sommer, es gelingen
ihm seitdem hie und da Bilder von einer
samtartigen, weichen und vollen Schönheit
des Tones.
Wer aus den Arbeiten unseres Freundes,
diesen farbig zurückhaltenden, strengen und
klaren Kompositionen, auf ihre Herkunft schließen
wollte, würde gewiß am wenigsten auf
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