http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_37_1918/0368
EMIL ANNER
SOMMERS ENDE
vollen Herzen, in dem der liebe Gott Tag und
Nacht mit silbernen Glocken läutet, hat dazu
keine Zeit, vielleicht auch keine Lust. Er muß
scharfen und dichten, horchen und gestalten.
Zwischen Brotarbeit und künstlerischem Gottesdienst
fließt sein Leben dahin. Bald hat es
ein halbes hundert Jahre erreicht. Ein Großer
und Feiner hat bewundernd auf ihn hingewiesen
und ihn mit wenigen anderen erkannt:
Albert Welti, sein Stammes- und Kunstgenosse.
Freundschaft verband sie. Das wäre schon an
sich ein bedeutungsvoller Wink für die Freunde
und Sammler einer feinen Graphik.
Die großen Ausstellungen, in denen auch
Anners graphisches Werk jeweils mit einigen
typischen Blättern vertreten zu sein pflegt,
sind seiner Art von Kunst nicht allzu günstig.
In dem gewöhnlich ungeheuren Meer von Techniken
und Manieren aller Art werden die feinen,
zurückhaltenden Künstler meist wenig beachtet
. Jene, die etwas Neues, Neuestes, Unerhörtes
, noch nie Dagewesenes zu zeigen haben,
kommen naturgemäß in die vorderste Linie,
fallen auf und reißen Urteil und Erfolg an sich.
Anners Graphik will in der Nähe betrachtet
und genossen werden. Sie hat zunächst weder
den großen, dekorativen Zug so vieler unserer
heutigen starken Radierungen, noch hat sie
jene gedankenreiche, philosophierende Art der
Ausgestaltung, noch auch den prickelnden
EMIL ANN ER
KLEINE BRÜCKE
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