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Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 37. Band.1918
Seite: 328
(PDF, 124 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_37_1918/0372
im „Alorgen" mit wunderbarer und zarter Eindringlichkeit
das Weichen der Dunkelheit vor
dem aufsteigenden Licht darstellt und eine
ganze Welt aus der Dämmerung auftauchen
läßt, während er im „Abend" das Versinken
und Verstummen der Welt aus dem goldenen
Glanz der Wolken, Lüfte und des Wassers in
die geheimnisvollen Schatten und das letzte
Erschauern der Baumkronen vor der einbrechenden
Dunkelheit aus einem inneren Schauen
heraus gestaltet. Denn in solchen Blättern
wandelt sich die sichtbar sachliche Natur durch
eine eigenartige und sichere Technik in einen
schwer zu beschreibenden mythischen Ausdruck
des Kunstwerkes.

Der eigentliche Stil Anners wird darin ausgeprägt
, daß er, verbunden mit den Landschaftsdichtungen
der früheren Zeiten, doch
ganz in unserer differenzierten Empfindungs-
welt lebt und schafft. Man kann die Linie
über Anners Landsmann Geßner, den Idylliker
, bis zu Claude Lorrain, den Pathetiker,
ziehen, und doch wird Anner, so gut man ihn
zwischen diese beiden einordnen kann, doch
sein Besonderes, Eigenes haben. Denn er
ist weder von der Weichheit der Rokokozeit,
noch von dem herrisch
Persönlichen der Renaissance
beeinflußt,
sondern vom panthei-
stisch - romantischen
Sinn der Musik aus
der Nach-Beethoven-
zeit bestimmt, wie
Anner denn auch als
Thema in einem seiner
Exlibris die wogende
und starke Melodie
aus der H-moll-
Symphonie Schuberts
als Leitmotiv unterstellt
.

Natur und Dichtung
in Anners Kunst finden
in der musikalischen
Stimmung seiner
Blätter ihre Einheit
. Daß ihm die
Landschaft mit ihrer
Vieldeutigkeit an Empfindungswerten
besonders
nahe liegt, ist
leichtverständlich. Die
Setzung und Verteilung
der Massen, ihre
Bewegung durch Form
und Licht hat ohnehin
etwas Musikalisches,

Gr Ubrö OlS'a Keferloh

emil anner

ist bewegte Form in Raum und Zeit. Wie
Musik und bildende Kunst in ihren höheien
Aeußerungen immer durch die Stimmung auf
ein Religiöses hinführen, so wohnt auch den
Landschaftsradierungen Anners stets eine religiöse
Weihe inne. Man braucht nicht lange
darnach zu suchen. Man frage nur die Welt
der Blumen und Gräser: „Geh hin, es wer-
den's dir die stummen Blumen sagen", wie der
cherubinische Wandersmann lehrt.

Wo aber Anner sich streng an die Natur
halten muß, wie in der Bildnisradierung, da
verklärt er seine Sachlichkeit durch die keusche
und zurückhaltende Treue, mit der er sich
der Natur unterordnet und sie nur durch die
altmeisterliche Arbeitsweise adelt. Hier legt
er seiner Phantasie, seiner Empfindung Zügel
an, aber er verliert auch die Geduld nicht
und holt ehrlich und sorgsam das Letzte aus
Platte und Nadel heraus. Da wird die Form
ihm zum Gebet, und eine Haarsträhne, ein
Augenschnitt ist ihm so wichtig, wie das Weltweben
der großen Natur.

Anner hat auch eine stattliche Folge von
Exlibris-Radierungen geschaffen. Er hat gegenüber
den oft unerfüllbaren Anforderungen

seiner Auftraggeber
als Künstler standgehalten
, indem er auf
kleinstem Raum ein
Kleinod schuf, sei es
eine Landschaftsdichtung
oder eine Antike
oder ein Menschenwerk
, das als Motiv
gewählt wird. Die Ur-
melodie alles Seienden
gilt ihm : Die Kreaturen
sind des ewigen
Wortes Stimme.

Noch ist Anner nicht
ganz fertig in seiner
Ausreifung. Verschiedene
Ansätze weisen
auf neue Möglichkeiten
in seiner künstlerischen
Weiterentwicklung
und Ausreifung
hin. Und das ist
das Schönste an seinem
Werk, daß aus
jedem seiner Blätter
die ewige Jugend und
immer frische Spannkraft
leuchtet: die
Sonne ihres Daseins
und Schaffens.
Exlibris Dr. Jos. Aug. Beringer

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