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HUBERT NETZER
VERDANDI. STATUE VOM NOR-
NENBRUNNEN IN MÜNCHEN □
dem Stein ein so persönliches
Innenleben einzuflößen, ist der
geborene Grabmalskünstler. Aus
der Zahl der vielen Entwürfe
kann ich nur wenige anführen.
Auf dem Düsseldorfer Friedhof
leuchtet wie ein Kristall unter
den üppigen, der gegebenen Natursituation
wie der Gartenanlage
gar nicht Rechnung tragenden
Erinnerungssteinen, die aus
einem Hof des Friedens ein
Steinmetzenlager der reichen
Düsseldorfer Bürger machen,
Netzers schlichtes Grabdenkmal
für August Bagel (Abb. S. 358).
Es müßte schulbildend wirken
in einer Stadt, die gegenüber
ihrer Malerschule immer einen
so auffallenden Mangel an Bildhauertradition
aufzuweisen hatte.
Es ist ein Erinnerungsstein, der
so treffend dem stillen segensreichen
Wirken des kunstfreudigen
August Bagel entspricht. Ich
sagte schon einmal, es ist Netzers
besondere Gabe, für eine Idee
eine ausdrucksvolle plastische
Form zu gewinnen. Für einen
Gutsherrn auf der Insel Wörth
bei Murnau hat er ein Urnendenkmal
entworfen (Abb. S.353)
und zwar für jene Stätte einer
Lichtung im hohen Tannenwalde,
wo der Verstorbene dem Wechsel
des Wildes nachzuspüren liebte.
Hohe schlichte Pfeiler rahmen
die Urne mit ihrem Sockel ein.
Darüber auf breiter Deckplatte
mit Girlanden geschmückt, auf
Kugeln zwei Harpyen, die unter
den hohen Tannen geheimnisvoll
scheu sich umschauen. Ein
Denkmal von außerordentlichem
stimmungsvollen Reiz in bezug
auf den Verstorbenen wie die Natursituation
. Bei anderen Grabdenkmälern
entwickelt der Bildhauer
seine starke architektonische
Begabung und verzichtet
auf jeden figürlichen Schmuck.
Er schafft seinen eigenen architektonischen
Entwurf, den der
Architektur-Fachmann mit seinen
Kenntnissen über historische
Profile nur nicht verbessern
sollte!
Der Weltkrieg, der Ausmarsch
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