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EDMUND STEPPES
chwind erhielt eines
Tages den Besuch
Ludwig Richters, und
während die beiden
Freunde von München
aus dem Landhäusel
Schwinds am Starnberger
See zustrebten,
ließ sich Schwind über
seine Kunstauffassung
hören. Er verstrickte sich nicht in ästhetisch
spitzfindige Theorien, sondern sprach frisch
vom Herzen weg, wie es ihm als einem durchaus
unkomplizierten, herzhaften Künstler wohl
anstand. „Siehst, Richter", sagte er, „wenn
einer Lieb' zu einem Bäumerl hat und Freud'
dran, dann malt er all seine Lieb' und Freud'
mit, und das Ding hat ein ganz anderes Aussehen
, als wenn es einer noch so schön abschmiert
. Man muß nur keusch sein, und
ein feiner, guter Sinn gehört dazu, sonst ist
es nichts um das Ergründen des Geheimnisses
von der Schönheit und den Wundern der Natur."
In diesen paar Worten ist ein Programm
umschrieben, und es gilt nicht für Schwinds
Kunst allein, sondern steht unausgesprochen
über dem Werk auch manches Späteren. Daß
den Worten alle Feierlichkeit und aller geheimnisvolle
Prunk fehlt, daran darf man keinen
Anstoß nehmen. Aehnlich hätten sich
gewiß auch Hans Thoma und Karl Haider
ausgesprochen, namentlich Thoma, der einmal
das schöne Wort von der göttlichen Unbefangenheit
und von der Unschuld reiner Anschauung
des Malers prägte.
Edmund Steppes gehört in die Familie
Schwind-Thoma-Haider. Daß ich mit einem
Wort Schwinds diesen Versuch, die Kunst
Steppes' zu umschreiben, eröffne, geschieht
also nicht zufällig. Ueberdies brannte, nach
Henry Thodes Bericht, schon über der Jugend
Steppes' der Stern Schwinds: kein anderer
Künstler jüngerer Zeit war ihm so wert als
dieser inbrünstige Dichter der Naturmärchen,
dessen Werke er in der Schack-Galerie in
München mit andächtiger Verehrung geschaut
hatte. Nur die Alten der Pinakothek, Dürer,
Cranach und besonders Albrecht Altdorfer,
den mikroskopischen Maler blumenreicher,
buntgesternter Wiesen, liebte Steppes in gleichem
Maße wie ihn.
Mit solchen Gesinnungen mußte ein Maler,
der zu Beginn der 18^0er Jahre sich in München
bemerkbar zu machen begann, notgedrungen
ein Einsamer werden. Steppes, der als
Sohn eines höheren Steuerbeamten am 11. Juli
1873 in Burghausen an der Salzach, einem
malerischen bayerischen Grenzstädtchen, geboren
war, kam gerade zu einer Zeit an die
Münchner Akademie, als dort und im Münchner
Kunstleben überhaupt der heiße Kampf
um den Pleinairismus ausgefochten wurde.
Aus Paris waren starke Einflüsse herübergeflattert
, und es war zur Trennung von „Alten"
und „Jungen" und zur Bewegung der „Seces-
sion" gekommen. Die Landschaft schien besonders
geeignet, Trägerin der neuen Ideen und
der gärenden Probleme zu werden. Allerwärts,
im Dachauer Moos und wo sonst flache und
moorige, inhaltlich möglichst neutrale, um Gotteswillen
nicht durch poetische Motive von
der rein malerischen Bildauswirkung ablenkende
Landstriche auffindbar waren, wurden
Staffeleien aufgestellt. Man malte keine Veduten
, keine Gegenden, keine Landschaften im
eigentlichen Sinn, sondern Reflexe der Sonne
und formloseste Räume, studierte die Atmosphäre
und freute sich nie so sehr, als wenn
man eine trübweiße, dunstige Luft, die alle
Umrisse auflöst und den Dingen jegliche Kontur
nimmt, die alles weich und schummerig
macht und an die verschwommene Kopie einer
mißratenen photographischen Aufnahme gemahnt
, auf das Bild gebracht hatte. Schönleber
und Dill wurden zu Führern einer Richtung
, von der Richard Hamann einmal sehr
richtig anmerkte, daß ihr allgemeine Raummotive
viel wichtiger waren als Malerei der
Heimat. Man bewundert, meint der gleiche
Kritiker, wie die Künstler den Ton der Luft,
die Bewegung von Menschen und Herden im
Raum, die Zerstreuung des Lichts getroffen
haben. Aber das Geschilderte selbst wird uns
nur wenig nahegebracht. Der Gegenstand fängt
an, wie es die Theorie dieser Künstler verlangt
, gleichgültig zu werden. Die Behandlung
selbst wird interessanter als der malerische
Gehalt. Beachtet man daher, wie in der scheinbaren
Objektivität und Wahrhaftigkeit noch
subjektive Oppositionsstimmung und Negativismus
stecken, so trifft Zolas Definition für
die Kunst zu; ein Winkel der Natur, nicht
gesehen durch ein Gemüt, sondern durch ein
Temperament.
Schwind hatte unbewußt und unbefangen der
landschaftlichen Gemütsmalerei das Wort geredet
, und diese Richtung hatte auch Steppes
erwählt, obwohl er damit von vornherein in die
Die Kunst für Alle. XXXIII. 21/22. August 1918
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