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Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 37. Band.1918
Seite: 377
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EDMUND STEPPES

VOR DEM GIPFEL

staffierten Landschaften, wie wir sie bei Lier
oder auch bei Hans Thoma antreffen. Selten
einmal sieht man auf seinen Bildern ein paar
weidende Pferde oder Kühe. Wenn er eine
Almhütte malt, so bleibt die Genrehaftigkeit, der
sich ein Bürkel bei der Darstellung dieses mit
der Dulliöhromantik der Gebirgsstückeschrei-
ber belasteten Objekts nicht enthalten kann,
ausgeschaltet: die braune, verwitterte Hütte mit
ihren derben, ungefügen Formen wird selbst
ein Stück Natur und zerreißt nicht durch adrette
Geradlinigkeit die wild geformte Bergwelt.

Es ist sehr einsam, wenn man mit Steppes
durch die Landschaft geht. Ueber seinen
Wäldern liegt melancholisches Schweigen.
Die Bäume stehen groß und stumm wie
Schatten; sie rauschen nicht und keine Vögel
singen aus ihren Zweigen. Gespenstische
Himmel hängen darüber. Wie brennende
Fetzen jagen zuweilen abendliche Wolken
zerfasert durch die Luft. Hinter dünnen
Schleiern glänzt verträumt der Mond . . .
Oder man wird in die schwermütige bayerische
Vorgebirgslandschaft versetzt, die voll Sehnsucht
ist. Am Horizont steht die blaue Kette
der Berge. In der Tiefe liegt wie ein Auge

der Staffelsee, Inseln schwimmen auf ihm:
das ist das Lieblingsrevier des Künstlers.
Dann wieder steigt er auf hohe Berge, malt
die kühle Morgenfrühe, wenn das zackige
Gestein noch im tiefen Graublau der nächtlichen
Schatten liegt und nur die obersten
Spitzen von der aufsteigenden Sonne angeglüht
werden. Zuweilen sucht der Künstler freundlichere
Aspekte auf. Man schaut in ein anmutiges
Tal. Eine Quelle rieselt, ein bergansteigender
Weg zieht einen heiteren Schnörkel
ins Wiesengrün. Eine weite Aussicht über
Hügel und Senken hinweg zieht in die
Ferne. Zärtliche Birkenstämme, ängstliche
Lärchenbäume zittern im Abendwind. Aber
auch hier weht ein Hauch melancholischer
Wehmut, und wenn Steppes die Schönheit
des Frühlings malt, glaubt man als Unterton
die Melodie vom Vergehen herauszuhören.
Es sind Bilder zum Träumen, vor denen man
leicht vergißt, nach ihren technischen Qualitäten
zu fragen und vor denen man sich nicht
über die Farbgebung des Künstlers und über
seinen malerischen Vortrag klar werden will,
obwohl der Künstler selbst das nicht gering
wertet, sondern in einem Büchlein „Die

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