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Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 37. Band.1918
Seite: 391
(PDF, 124 MB)
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CARL CASPAR

BILDNIS
MARIA CASPAR-FILSER

MARIA CASPAR-FILSER

Die neuere Kunstliteratur hat sich daran
gewöhnt, die Begriffe Impressionismus
und Expressionismus gegeneinander auszuspielen
und nach ihnen die künstlerische Produktion
unserer Zeit in zwei scharf getrennte
Gruppen zu scheiden. Nomina sunt odiosa,
und es lohnt nicht zu untersuchen, ob diese
Trennung in der Praxis auch wirklich Stich
hält, wie weit nämlich Manet nicht auch Ausdruckskünstler
war und ob uns Münch nicht
gewaltige Impressionen übermittelt hat. Dennoch
halten wir, im Interesse der leichteren
Verständigung, an den beiden Begriffen fest,
nämlich in dem Sinn, daß wir nach Ablauf
einer dem Objekt und seiner malerischen Bewältigung
stark hingegebenen Kunst seit etwa
zwanzig Jahren eine Anschauung feststellen,
die dem Stoff freier gegenübertritt, dafür aber
ihre Gesetzlichkeit in strengeren formalen Absichten
sucht. Widersprochen sei nur der
beengenden Einseitigkeit des üblichen Urteils,
die ein Ineinanderspielen der beiden Tendenzen
nicht gelten lassen will, sondern sie — billiger
Sensation zuliebe — zu unversöhnlichen Gegensätzen
zuspitzt, zu Gegensätzen freilich,
die in das gegebene Material mehr hineingedeutet
werden, als in ihm vorliegen. Die dürre
Schematik dieser radikalen Stellungnahme ertötet
alle unbefangene Freude an der Fülle
der Erscheinungen und trübt die Erkenntnis,
daß „alles fließt", d. h., daß die Abfolge alles

Geschehens in der Kunst wie im täglichen
Leben sich nicht in scharfer Umgrenzung und
jähen Gegensätzen vollzieht, sondern daß jede
lebensfähige Kraft organisch aus dem Vorausgehenden
erwächst und, je ursprünglicher sie
ist, desto mehr fremde Elemente in sich aufnehmen
kann.

In der Tat fehlt es unter den vielspälti-
gen, für sich strebenden Sonderexistenzen
der neueren Kunst nicht an vermittelnden
Erscheinungen, die ihre Herkunft vom Impressionismus
offen bekennen und sich bei aller
fortschrittlichen Gesinnung durch keine spekulativen
Absichten beirren lassen. Sie wissen
oder fühlen, daß eine willkürlich aufgegriffene
Theorie, mag sie zum Nazarenertum, zum
Futurismus oder sonst wohin führen, auf die
Dauer den künstlerischen Instinkten Gewalt
antut, daß, wie Goethe einmal sagt, die Form
so gut verdaut sein will als der Stoff, ja sich
noch viel schwerer verdaue, und daß endlich
in der Kunst nicht die Richtung, sondern die
bildnerische Kraft der einzelnen Persönlichkeit
den Ausschlag gibt. Zu diesen Künstlern gehörte
Waldemar Roesler, dem es allerdings
nicht vergönnt war, über eine einseitige, eintönige
Bildform hinauszukommen, nachdem er
sich vom Impressionismus Liebermanns losgerungen
hatte; ein anderer, ungleich bedeutender
war Albert Weisgerber, der in dem
Augenblick vom Krieg dahingerafft wurde, als

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