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toby e. rosenthal f
alte treppe in jenbach
Aasstellung 1918 der Münchner Künstlergenossensckaft
frieden zu geben. Er will der Stagnation, die
gerade bei dieser Vereinigung (wie leider auch
anderwärts im Münchner Kunstbetrieb) sich
bedenklich bemerkbar machte, kräftig entgegenarbeiten
und hat in den paar Jahren seiner
Präsidentschaft trotz der Hemmungen, die der
Krieg mit sich brachte, in dieser Hinsicht
auch manches Bemerkenswerte geleistet. Sein
vornehmstes Rezept ist: Jugend muß ins Haus!
Marr ist akademischer Lehrer und dadurch
mit dem Nachwuchs der Münchner Künstlerschaft
in selbstverständlicher Fühlung; so kann
er manchen heranholen, der vielleicht andernfalls
unbeachtet bleiben müßte. Auf diese
Weise lernte man bei der vorjährigen Ausstellung
die eigenartig verzückte, mystischdekorative
Kirchenkunst Felix Baumhauers
kennen, der auch heuer wieder mit einer Anzahl
starker, packender Arbeiten von ungewöhnlicher
Eigenart des seelischen Erlebnisses
und der formalen und koloristischen
Durchbildung vertreten ist. Eine weniger glückliche
Hand verriet Marr in der Heranziehung
des vorläufigen „Gesamtwerkes" Lois Grubers
, eines jungen bayerischen Künstlers, der
an derMünchner Kunstgewerbeschulebeijulius
Diez studierte und sich derzeit an der Akademie
bei Hengeler umtut. Grubers Phantasie
versucht sich an großen figürlichen Problemen
. „Minotaurus", „Polyphem" (Abb.S.415),
„ Sarastro ", „ Kaly pso ", „ Gorgo ", „ Erinny en " —
das sind seine Stoffe. Er gestaltet sie eigenartig
, vergreift sich aber meistens im Format
und erreicht die Monumentalität, auf die
er mit heißem Bemühen hinhält, gerade um
dessentwillen nicht, daß er seine Leinwanden
zu groß nimmt und daher innerhalb des Rahmens
oft leer und arm wirkt. In den Einzelheiten
der Anordnung und des Kolorits hat er naheliegende
Vorbilder (Diez, Habermann, Hengeler
, Stuck) noch nicht überwunden, indessen
soll ihm das nicht zur Last gelegt sein, da
er in der Gesamtrichtung Eigenart bekundet
und wohl allmählich der „Schwimmgürtel"
entraten lernen wird. Das Stärkste, was
Gruber vorläufig zu geben hat, sind seine an
Stuck geschulten, aber über Stucks Absichten
hinausgehenden Aktzeichnungen in Rötel —
ob es sich aber durch diese restlos gelungenen
Vorarbeiten künftigen Schaffens recht-
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