Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 38. Band.1918
Seite: 55
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KUNST UND GESCHÄFT AUF DER LEIPZIGER MESSE

Die französischen Berichte über die Messen
in Lyon und Paris heben mit besonderer
Genugtuung die Ueberlegenheit hervor, die
der französische Geschmack den dortigen Ausstellungen
gegenüber Leipzig verleihe. Es wird
von dem Stempel unaufdringlicher Eleganz
(cachet d'elegance discrete) gesprochen, den
Paris allen seinen Schöpfungen aufzudrücken
versteht.

Prüft man die Berichte genauer, so hat diese
Eleganz ihre Wirkung hauptsächlich darin geäußert
, daß sie große Besucherscharen angelockt
hat, von denen nicht feststeht, wieviel
Geschäftsleute darunter waren. Daran vermögen
auch die Ziffern, die über die in Lyon
erzielten Umsätze veröffentlicht werden, nichts
zu ändern. Die französischen Messen sind
also, wenigstens zu einem erheblichen Teil,
nur Ausstellungen geworden. Man muß das
als ein Steckenbleiben auf dem eingeschlagenen
Wege bezeichnen, denn zweifellos haben
die Veranstalter der französischen Messen
keine Ausstellungen, sondern nach dem Vorbilde
von Leipzig geschäftliche Organisationen
schaffen wollen. Aber es ist nicht so einfach,
eine eingewurzelte, im Verlaufe eines langen
Zeitabschnittes gewachsene und organisatorisch
durchgearbeitete Einrichtung wie die Leipziger
Messe an einen beliebigen anderen Ort zu
verpflanzen, während es viel leichter gelingt,
eine Anzahl von Industriellen und Besuchern
zu einer Ausstellung zusammenzubringen. Der
Industrielle, dem der unmittelbare geschäftliche
Erfolg vielleicht versagt bleibt, betrachtet seine
Beteiligung an der Ausstellung als Repräsentationspflicht
und findet sein Genügen in der
mittelbaren Wirkung jeder Ausstellung. Die
Allgemeinheit mißt den Erfolg an der stattlichen
Besucherzahl.

Wenn es den französischen Messen gelingt,
sich von Ausstellungen zu wirklichen Vermittlern
des Geschäftsverkehres durchzuarbeiten
, so werden sie der Leipziger Messe eine
ernsthaftere Konkurrenz machen, als dies
gegenwärtig der Fall ist. Daß bedeutende Anstrengungen
gemacht werden, dahin zu gelangen
, ist sicher, und wir täten unrecht, diese
Anstrengungen nicht ernst zu nehmen. Auch

die selbstsichere Betonung des romanischen
Geschmackes ist nicht ohne Bedeutung für
uns, weil sie auf voreingenommene Gemüter
eine immer noch starke Wirkung ausübt. Wir
wissen es, daß die Pflege der äußeren Formen
bei den Romanen eine weit größere Rolle
spielt, als bei uns, und daß ihren Durchschnittsleistungen
unbestreitbar ein gewisser
Reiz eignet, der anziehend wirkt. Dieser Reiz
kommt entschieden auch ihren Messen zugute-

Auf der anderen Seite wissen wir auch,
daß Deutschland auf dem Gebiete des Kunstgewerbes
die Romanen seit längerer Zeit überflügelt
hat. Eine eigene Kunst des Ausstellungswesens
als Abart der Raumkunst hat
geradezu von Deutschland ihren Ausgang genommen
. Theoretisch aber, im Hinblick auf
ihre Gestaltung unterscheiden sich die Musterlager
auf der Leipziger Messe in keiner Weise
von den Ständen auf irgendeiner Ausstellung,
und die Leipziger Messe ist als eine große
Ausstellung zu betrachten, nur mit ganz anderen
Zwecken als die einer Schau und ohne deren
Einheitlichkeit. Die neuzeitliche Ausstellungskunst
hat daher auch für die Leipziger Messe
die größte Bedeutung. An dem Gesamtbilde
gäbe es noch manches zu formen. Für die
geschmackvolle Aufmachung jedes einzelnen
Standes und Musterlagers kann außerdem gar
nicht genug geschehen. Je mehr hier künstlerische
Mitarbeit herangezogen wird, um so
besser. Nicht also ob nun jedes Musterlager
rein nach künstlerischen Grundsätzen zu gestalten
sei; dafür sprechen zu viel geschäftliche
Rücksichten mit. Das Wesentliche ist,,
daß vom Künstler als Mitarbeiter des Geschäftsmannes
wertvolle Anregungen weit über den
Bereich seines Auftraggebers hinaus ausgehen.

Bei alledem wollen wir nicht vergessen,
daß die künstlerische Gestaltung der Musterlager
nur als Hilfsmittel zu bewerten ist und
daß der eigentliche Zweck der Messen die
Erzielung von Geschäftsabschlüssen ist und
bleibt. Es schadet aber nichts, wenn die Leipziger
Messe sich auch in den Fragen des
Geschmacks den ausländischen Messen überlegen
zeigt.

H. BEHRMANNi

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