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EISENGUSZ IN DER ANGEWANDTEN KUNST
Gußeißen — als annehmbarer Ersatz für
Gold, Silber, Bronze? — Eisengegossener
Zierat als anerkannter vollwertiger Schmuck
im Haar unserer Frauenwelt, um ihren Hals
und Nacken bei festlichen Gelegenheiten? Oder
alltäglich getragen als Band um das Handgelenk
, als Gehänge im Ohr und als Spangen
und Broschen am Gewände? Allerhand Eisen
ferner in der Häuslichkeit, in Wohn- und
Schlafräumen, als Leuchter, als Uhrhalter auf
dem Nachttisch, als Behälter für Flakons, als
Zier-und Gebrauchsgerät auf dem Schreibtisch?
Dem unvorbereiteten, naiv empfindenden
Laien will das nicht in den Sinn. Denn wer
sich selbst schmücken will oder sein Heim,
der sieht vor allem auf die Güte des Materials.
Stoffe, die in überreichem Maße und billig im
Lande zu haben sind, überläßt man, auch
wenn sie schöne Wirkungen zu erzielen vermögen
, den niederen Bedürfnissen des Lebens.
So hielt man es auch mit dem Eisen. Nicht
sein unscheinbares Aussehen war da ausschlaggebend
, sondern lediglich der Umstand, daß
das Eisen so überaus plebejisch erschien und
billig war. Darum überließ man es willig den
Technikern und Mechanikern, den Architekten
und Ingenieuren.
Und doch gab es Zeiten, da der Eisenguß
auch für höhere Zwecke verwendet wurde.
Noch nicht lange ist es her, daß er künstle-
Wir verweisen anläßlich dieses auf Grund einer Ausstellung
im Kgl. Kunstgewerbe-Museum Berlin zustande gekommenen
Aufsatzes auf das soeben bei F. Bruckmann, Manchen, erschienene
Werk: Berliner Eisenkunstguß von Hermann Schmitz. Mit
einer Gravüre, 44 Lichtdrucktafeln und zahlreichen Abbildungen
im Text. Preis gebd. M 25. —.
risch verwertet und allgemein geschätzt wurde,
ja auch als hoffähig galt! In den Tagen des
Biedermeiers war das Eisen eine Modesache.
Weitgehende Verwendung fand es in der großen
und der angewandten Kunst; es paßte gut zu
der eisernen Zeit der Befreiungskriege und
den dürftigen Jahren, die ihnen folgten. Jedoch
es war keine Erfindung jener eisernen Zeit.
Schon einmal, in grauer Vorzeit kannte
man Eisen-Schmuck und-Zierat: um 1000 vor
Christi Geburt, als unsere Urväter dieses
Metall kennen lernten, wurde es wegen seiner
Neuheit und Seltenheit geschätzt und zu
Hals- und Brustschmuck, zu Ringen und Gewandnadeln
verwertet. Jene prähistorischen
Schmucksachen sind jedoch geschmiedet.Bronze
und Kupfer vermochte man wohl seit zirka
1500 v. Chr. zu gießen. Der Eisenguß jedoch
kam erst etwa 3000 Jahre später auf, weil
er eine hohe Schmelztemperatur erforderte und
auch andere Schwierigkeiten mit sich brachte.
An sich ist nämlich das einmal flüssige Eisen
ein leicht zu behandelnder Stoff; es durchdringt
und erfüllt willig und ohne Tücken alle
Eigenarten und Feinheiten der Formen. Doch
einmal erkaltet, verträgt es keine besonderen
Aenderungen und Verbesserungen mehr, wie
sie an Bronzegüssen leicht anzubringen sind.
Darum galt es und gilt es bis heute, die Modelle
und Formen so genau und wohlberechnet herzustellen
, daß eine nachträgliche Ziselierung,
wenn möglich, ganz vermieden werden kann.
Um die Mitte des 1 5. Jahrhunderts wurden
die ersten Versuche gemacht. Geschütze, Gußöfen
aus meist rechteckigen, reliefgeschmückten
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