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WERK BUND AUSSTELLUNG IN BERN
[BLICK VOM TEEZIMMER IN DEN FESTSAAL
am besten dienen, wenn er sich fern von den
Nebenzwecken des Politischen hält. Aber die
Wirkung der Kunst greift unmittelbar auf das
Politische über: als eine Werbekraft für das
Volk, das der Künstler vertritt. So hat noch
jeder Stil für die Kultur geworben, die ihm
entsprach. Die Abgrenzungen der Stile entsprechen
genau der Abgrenzung der geistespolitischen
Kräftekreise, die hinter ihnen stehen.
Die Antike warb für Hellenentum, der Kuppelbau
für die byzantinische, die Basilika für die
päpstlich-römische Machtsphäre, die Renaissance
für Latinität, das Barock für Gegenreformation
, das Rokoko für den französischen
Hof. Nicht anders werden die Formen, die
wir heute hervorbringen, für diejenige menschliche
Gemeinschaft werben, deren Künstler
als die ersten begriffen, daß ein neues Zeitalter
auch eine neue Form will und daß
sogar in den Erzeugnissen der Maschine die
Möglichkeit einer Formung liegt. In diesen
Zusammenhängen bekam der Werkbund seine
Bedeutung. Er ist das Organ der Kunst in
einem Zeitalter der Organisation. Wir haben
heute nicht den Staat oder die Kirche, nicht
die bürgerliche Gesellschaft oder den bestimmten
Stand, der aus großer Bildung und mit
weitem Ueberblick auf sich nähme, die Werte,
die wir hervorbringen, im eigenen Lande,
geschweige denn in der Welt durchzusetzen.
Die zunehmende Arbeitsteilung des modernen
Lebens hat auch die Künstler auf sich gestellt.
Die Kunst muß sich selber helfen. Und um
der Kunst willen müssen wir wünschen, daß
der Deutsche Werkbund in Deutschland eine
Macht wird.
Seine Berner Ausstellung vertritt Europa
gegen den Westen. In der Schweiz, wo die
drei Völker gegeneinander andrängen, deren
Länder die Träger der letzten großen Kulturen
waren, trifft sich auch die Werbekraft, die von
ihnen ausgeht und deren Reichweite nun wohl
durch diesen Krieg entschieden werden wird.
Ueber die geistige Zugehörigkeit der Schweiz
selbst ist kein Zweifel. Die Ablehnung, die
Hodler vor dem Kriege in Frankreich erfuhr,
war nicht zufällig. Sie entsprach der Zurückhaltung
, mit der man dort Münch und sogar
van Gogh begegnete. Der Westen witterte, daß
es sich hier um eine Kunst handelte, die im
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