Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 38. Band.1918
Seite: 121
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W. NIDA-RÜMELIN

DURCHBROCHENE HOLZSCHNITZEREI UNTER EINEM TORBOGEN

W. NIDA-RÜMELIN

Die Kunst vermag sich gleich der Wissenschaft
nur aus neuen Anschauungen, Empfindungen
und Gedanken weiterzuentwickeln.
Wo sich das nicht mit innerer Notwendigkeit
aus dem Vorhandenen vollzieht, muß es gegen
dieses erstrebt werden. In solcher Lage befand
sich die Kunst am Ende des IM. Jahrhunderts
gegenüber der herrschenden Richtung.
Diese war wesentlich rückschauender Art, und
so mußte zunächst der Kampf gegen die Nachahmung
des Alten und gegen die Uebermacht
des Alten überhaupt einsetzen. Erst nachdem
man sich selbst gefunden, konnte man bei
der Vergangenheit wieder in die Schule gehen.
Man tut es heute eifriger denn je. Dennoch
erheben die Anhänger jener überwundenen
Anschauung immer wieder gegen die Moderne
den Vorwurf der Traditionslosigkeit und mangelnder
Ehrfurcht vor dem bewährten Alten.
Im Grunde ist es nur der Vorwurf, daß sie
hieraus keinen „Formenschatz" für billige Stilwirkungen
gewinnen wollen. Diese Ablehnung
des Heutigen beruht neben dem Mut und der
Kraft zu Eigenem nicht in einer Unterschätzung
der früheren Kunst, vielmehr in der Ehrfurcht
vor dem unerreichbaren Alten, das einem zu
bloßer Nachahmung zu hoch steht, das man
aber nicht müde wird, auf die Ursachen seiner
starken Wirkungen zu studieren und für das
eigene Schaffen zu nützen. Diese fruchtbarere
und selbständigere Art, mit der Ueberlieferung
wieder in den notwendigen Zusammenhang
zu kommen, wird von den Modernen immer
mehr erkannt und geübt. Jetzt sind wir bereits
bei der Erkenntnis angelangt, daß viele
feinste Wirkungen der Alten in ihrer handwerklichen
Tüchtigkeit beruhen. Neueste Forderungenverlangen
deshalb auch für die höhere
Kunst eine Annäherung der künstlerischen Erziehung
an die frühere Werkstattätigkeit. In
solchem Zusammenhang interessiert vor allem
ein Künstler, der aus Eigenem diesen Weg
gegangen ist, zumal wenn er uns so vieles
zu sagen hat wie Nida-Rümelin.

Rümelins Vater entstammt einem altangesehenen
Heilbronner Patrizierhaus. Als Tübinger
Burschenschaftsführer machte er die Freiheitsbewegung
der Jahre 1818/19 mit und
mußte ins Ausland fliehen. Nach den wechselvollsten
Erlebnissen diente er in Oesterreich
dem Herzog von Württemberg wie dem Fürsten
Taxis in Vertrauensstellungen. Da weckte
das Jahr 1848 aufs neue den Jugendtraum
für die Einigung der deutschen Stämme und
riß den gereiften Mann in den Strudel der
Revolution, trieb ihn wieder in die Fremde.
Dort wurde ihm unser Nida-Rümelin geboren.
Der 90jährige Vater hinterließ dem 14 jährigen
Sohne nichts als die oft erzählte Geschichte
seines bewegten Lebens und eine
Ueberfülle von Weisheit, die durch ihre Schwere
und Bitternis den Knaben mehr erdrückte als
emporhob. Der Waisenrat schickte den zeichenbegabten
Jungen trotz seiner Bitten auf eine
Schiffswerft, weil das die bequemste Art der
Versorgung war; doch Rümelin wußte es durchzusetzen
, daß er in ein altes Bildhauergeschäft
in die Lehre kam. Hier machte er jegliche
Hantierung eines Lehrjungen durch, lernte in
Gips, Zement, Stein und Holz arbeiten und
erfuhr von alten Gesellen die Technik des
farbigen Stucco, des Muschel- und Steinmosaiks
. Mit 18 Jahren ein tüchtiger Geselle
in seinem vielseitigen Fach, zog er nach
München und arbeitete hier am Neubau des
Justizpalastes. Das trug ihm so viel ein, daß er
nach Paris gehen konnte. Da er dort die erhoffte
Arbeit nicht fand, wanderte er durch Frankreich

Dekoratire Kunst. XXI. 4. Januar 1918

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