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OSKAR STRNAD
Oskar Strnad ist nicht bloß eine Persönlichkeit
, er bezeichnet auch schon
einen Kreis und eine Schule. Darin liegt seine
weitere Bedeutung. Nach Otto Wagner, der
bei uns die Moderne eingeleitet und ihr das
Programm gegeben hat, nach Josef Hoffmann,
der es mit einem künstlerischen Herzen erfüllte
, vertritt Strnad die jüngste Gegenwart
und die nächste Zukunft. Mit Wagner teilt
er die architektonische Beherrschtheit, mit
Hoffmann die Ausbreitung auf alle Gebiete
des Kunsthandwerkes, gehört also zu jenem
Neuwiener Schlage, dem der Freiraum, das
Haus und der Hausrat eine Einheit ist, aus
der die Mannigfaltigkeit des Einzelnen bindend
hervorgeht. Aber diese Einheit empfängt
bei ihm nicht ihre ausschließlich bestimmende
Richtung vom Räumlichen; ihre Wurzeln sind
nicht mit den tektonischen Bedingungen des
Stoffes erschöpfend bezeichnet, ihr Ausgangspunkt
liegt nicht ein für allemal beim baulich
oder aber beim kunsthandwerklich Besonnenen
. Das alles geht hier begründend mit, aber
wird jeweils nur nach seinem gehörigen Gewicht
genützt. Immer bestimmend ist nur der
Mensch, dem das Stück Schaffen gewidmet
ist — bei Werken des Gebrauches der Be-
nützer, bei solchen der Kunst der urhebende
Künstler. In jedem Sinne gilt hier das Wort:
Der Mensch ist das Maß aller Dinge.
Dieser Mann ist mit keinem aufregenden
Ereignis in jene Oeffentlichkeit getreten, die
er heute doch vielfach beherrscht, die er jedenfalls
ausgiebig und anhaltend beschäftigt, die
ihn leidenschaftlich bekämpft oder nicht weniger
leidenschaftlich verteidigt. Im Lager seiner
Gegner sind nicht nur die ewig Gestrigen,
sondern auch ruhigere, reifere Naturen, die
der Unrast des Suchers abhold sind und dort
den Umsturz sehen, wo nichts anderes ist als
neue Grundlegung. Freilich, die geschehenen
Leistungen, die historischen und die gegenwärtigen
, sieht er als erledigt an, aber nicht
so, daß er sich ihrem Sinn hartnäckig verschlösse
. Im Gegenteil. Wenige nur haben
sich mit den wirklich schöpferischen Eigenschaften
der Stile seit der Antike so gründlich
und gewissenhaft auseinandergesetzt, sind
ihren tektonischen und rhythmischen Bedingungen
so nahe an den Nerv gekommen. Und
den gleichen erkennenden Standpunkt nimmt
er zur schaffenden Umwelt. Wenige haben
solche Achtung vor den Leistungen anderer,
wenige wissen sie so warm und wirksam auf
Schüler zu übertragen. Allerdings ist dieses
Urteil frei von jeder Beeinflussung, von Traditionen
sowohl wie von Konventionalismen,
kennt kein Ansehen als das der Tat, keine
Richtschnur als die der eigenen Erkenntnis,
stellt sich immer rein auf die Sache und sich
selbst und geht von hier aus immer auf die
einfache Wurzel, auf das Axiom der Lebensformen
los, die in Kunstformen umgesetzt
sein wollen. Das hat ihm so viele Feinde gemacht
und ihn in ihren Augen als Umstürzler
erscheinen lassen: Das Selbständige.
Und dann das Selbstverständliche. Die Mehrheit
will getäuscht sein. Sie will, daß ein
Bürobau wie ein Wohnhaus und ein Wohnhaus
wie ein Palast aussehe. Sie will, daß
sich ein Sessel wie ein Kunststück ausnehme.
Und sie will, daß ein Trinkbecher im Zierat
versinke. Sie will nicht reine Formen, sie
will den betörenden Schmuck. Sie will immer
und überall „Kunst", auch dort, wo bloße
Ordentlichkeit besser am Platze ist. Sie will
nicht das Klare und nicht das Einfache und
wendet sich vielleicht auch deshalb gegen
diesen Mann, weil er zunächst klar und einfach
sein will. Weil er darin den ersten
Schritt zu einer gründlichen Besserung und
Erneuerung sieht, weil er sich zunächst erziehlich
an das gemeine Leben wendet.
Vielleicht auch will sie ihm nicht wohl,
weil sie überall zu sehr seine Vernünftigkeit
sieht und ihm die Wärme des Herzens bestreitet
. Mag sein, daß er zuviel Verstand hat,
aber darum fehlt ihm nicht Phantasie, auch
wenn sie hier am strengen Zügel des Erkennens
liegt. Er weiß genau zu scheiden:
zwischen Dingen und Menschen, denen mit
dem Ordentlichen genug geschieht, und solchen,
die künstlerischen Anspruch erheben dürfen.
Kunst ist Ausnahme. Das ist ein zweiter
Grundsatz dieses Schaffens und er geht rein
in den anderen auf, der den Menschen als
das Maß aller Dinge bezeichnet. Wo dieser
Ausnahmefall gegeben ist, bei Ausnahmenaturen
als Auftraggebern oder wenn er ein Werk für
sich selber tut, strebt er ins Außerordentliche
und Einmalige.
Strebt, sagten wir. Ob er's auch immer
schon erreicht? Das soll hier nicht vorweg
entschieden werden. Denn es ist grundsätzlich
ohne Bedeutung. Man mag sich an den
Künstler selber wenden. Er weiß es am besten,
daß er einen Weg geht, schrittweise — nur
das will er. Die Erfüllungen liegen am Ende,
Dekorative Kunst. XXI. 5. Februar 1918
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