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OSKAR STRNAD-W1EN
ment und Landschaft. Das klarste Licht kommt
von dem Blatte mit dem umgekehrten, adlergekrönten
Pyramidenstumpf auf dem Kleinstadtmarkte
und dem mit dem Wegkreuz auf
dem Hügel. Dort die von dem Platzrechteck
geforderte Vierseitigkeit, die von seinen Bauwänden
bedingte kubische Dimensionierung des
Heldenzeichens, hier — der Landschaft und dem
Wege entsprechend — das Freiragende und
die flache Zweiseitigkeit. Die geschriebene
Einleitung des Buches ist reich an zwingenden
Gedanken über das Verhältnis von Luftraum
und Malkörper.
Mit dem noch schwebenden Entwurf für
ein Bürohaus bei Maria am Gestade hat
Strnad auch in das schwierige Kapitel altstädtischer
Erhaltung und Fortentwicklung eingegriffen
. Die neue Situation ist hier freilich
in ihrem Grundrisse von der Stadtregulierung
vorgesehen: ein zweifacher Hausknick soll
die Freitreppe nahe begleiten, die zur Höhe
der Kirche führt. Aber der Künstler hat
innerhalb dieser Vorschrift nicht nur die
SCHLAFZ1MMLR EINER WIENER PRIVATWOHNUNG
Spielerei eines gotisierenden Kontors entschieden
abgelehnt, sondern er hat auch in
diesem als respektlos verschrienen Werke
dreierlei neuartigen Respekt vor dem alten
Monumentalbaue bewiesen: er hat sein Haus
in eine sinnfällige horizontale Lagerung gebracht
, welche die Vertikale des gotischen
Kirchleins in vollere Wirkung setzt, er hat
— unter dem gleichen Gesichtspunkt des
Kontrastes — sein Haus in großen, ruhigen
Maßen gehalten und damit die Beweglichkeit
des Altbaues zu besonderer Geltung gebracht
und erhat in der einfachen, schmucklosen Wandbildung
jene Zurückhaltung beobachtet, die der
zierlichen Anmut des Ziegelgebäudes das führende
Wort überläßt. Das alles mag noch nicht
zur erfreulichen Form gereift sein, aber grundsätzlich
hat es unverkennbare Bedeutung.
Dieselbe Entschiedenheit haben seine Häuser
. Das Miethaus in der Faßziehergasse
verzichtet schon auf die übliche Fassadenlüge,
die mit billigem Stuck- und Turmprunk die
Dürftigkeit des mittelständischen Lebens ver-
Dekorative Kunst. XXI. 5. Februar 1918
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