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DAS BAMBERGER KLERIKAL-SEMINAR
Im Frühjahr 1917 machte uns eine Ausstellung
im Münchner Kunstverein mit den
Entwurfsplänen und dem Modell für den sofort
nach Friedensschluß in Angriff zu nehmenden
Neubau des Bamberger Klerikalseminars
bekannt. Den für den Entwurf unter
bayerischen Architekten veranstalteten Wettbewerb
, der 1913 ausgeschrieben worden war,
gewann der Nürnberger Architekt Professor
Ludwig Ruff, der sich damals schon u. a. durch
seine großzügige Siedelungsanlage in der Wer-
derau hervorgetan hatte. Ruffs Lösung der
monumentalen Bauaufgabe beweist, daß der
Baukünstler mit der feinsten Einfühlung in
das prachtvolle Stadtbild Alt-Bambergs die
vornehmste Pflicht des zeitgenössischen Architekten
: vor allem den Zwecken entsprechend
zu bauen, zu vereinigen gewußt hatte.
Vom Wettbewerbsentwurf bis zu dem für die
Ausführung in allem Wesentlichen maßgebenden
Modell ist in dreijähriger Weiterarbeit,
die feinsinnig alle Details umfaßte, aber über
solcher Feinarbeit nie das große Ganze aus
dem Auge verlor, das Werk gewachsen und
immer bedeutender und reizvoller ausgestaltet
worden.
Von Anbeginn war das Augenmerk des
Architekten auf wirkungsvolle Massenvertei-
lung gerichtet. Das Seminar, das die beiden
unter geistlicher Aufsicht stehenden Institute
Ottoneanum (Knabenseminar) und Alumneum
(Priesterseminar) räumlich vereinigt, kommt
an den Heinrichsdamm zu stehen. Der Bauplatz
, an einem Regnitzarm gelegen, ist rechteckig
und nach allen Seiten hin frei situiert;
ein schöner Alleebestand sollte erhalten bleiben
. Da galt es nun, eine glückliche Aufteilung
der Massen und eine ästhetische Silhouettenwirkung
zu finden. Indessen ist über
dieser Absicht nicht das naheliegende Verfahren
eines Baues, der von außen nach innen
geht, also die Fassade einem nachträglich
aufgeteilten Innern vorblendet, gewählt worden
. Ruff war es durchaus darum zu tun,
von innen nach außen zu bauen, d. h. zuerst
den einwandfreien Grundriß zu finden, der
den zahlreich angeforderten Räumen in sinnvoller
Anordnung genügt; daneben sollte das
Aeußere den Organismus des Inneren verkörpern
und zugleich im Hinblick auf Massengruppierung
und Silhouette allen Ansprüchen
genügen. Verfolgt man die verschiedenen
Stadien der Entwicklung des Entwurfes,
wozu die Ausstellung im Kunstverein die Möglichkeit
bot, so erkennt man, daß der Plan
zuerst von innen nach außen, dann von außen
nach innen und so in sinnvollem Wechsel
mehrmals durchgearbeitet wurde.
Von „Anlehnung" an eine bestimmte Stilform
, etwa an die bei Nennung des Namens
Bamberg unwillkürlich aufsteigende Bauweise
der Dientzenhofer, kann keine Rede sein,
wenn man darunter etwas wie eine Kopie,
und sei es auch nur im Hinblick auf irgendwelche
äußere Schmuckformen, versteht. Dagegen
darf man, ohne dem Baukünstler da-
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