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AUSBLICKE FÜR DIE KUNSTTECHNISCHE ZUKUNFT
UNSERES VOLKES*)
Dinge und Ereignisse, die nur durch ein
paar Jahre von uns getrennt sind, im Sinne
geschichtlicher Objektivität zu sehen, scheint
in natürlichen Zeitumständen unmöglich. Die
Nähe trübt den Blick, verwischt die Maße
und Verhältnisse, bringt uns in eine Berührung
mit den Wachstumserscheinungen des Gegenstandes
, die unsere Hand zittern und unseren
Fuß straucheln macht. Der Krieg hat auch
hier die gewohnten Verhältnisse zertrümmert.
Er hat Entfernungen geschaffen, die mit den
normalen Zeitspannen und ihren seelischen
Ausstrahlungen aufräumen, hat Schleier zerrissen
, die sich sonst nur im langsamen Wandel
der Jahrzehnte aufdecken. Diese Wirkung
ist auch dort zu spüren, wo das Sein und
"Werden der künstlerischen und technischen
Arbeit unseres Volkes den Gegenstand der
Betrachtungen bildet. Alle Kräfte der friedlichen
Entwicklung, die wir seit der Mitte
der neunziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts
staunend und hoffend erlebten, sah
der letzte Monat, bevor das Schwert aus der
Scheide fuhr, zusammengefaßt in einer großgeplanten
Kunstschau. Die Kölner Werkbundausstellung
bezeichnet die letzte Phase einer
Bewegung, die, nach stürmischen Anläufen,
1896 zu Dresden zum ersten Male das Skelett
und die Organe ihres materiellen wie ihres
geistigen Körpers bloßlegte, die dann in München
aus dem kräftigen Boden eines gesunden
Volkstums neue, lebendige Kräfte sog, und
die durch die Organisatoren des Werkbundes
auf ihre weltwirtschaftlichen Ziele hingewiesen
worden ist. Von der Parteien Gunst und Haß
nicht mehr entstellt, steht ihr Bild heute vor
uns, in der Vielfältigkeit seiner Farben, der
Zerrissenheit seiner Konture nicht immer beglückend
, oft befremdlich, aber uns unvergeßlich
als das eines, keiner anderen Nation
erreichbaren Dokumentes künstlerischer Energie
und Schaffensfreude.
Kaum aufgebaut, fiel die sommerliche Kunststadt
am Rheinufer den Hammerschlägen der
neuen Zeit zum Opfer. Aber in allen Schriften,
die, kaum daß die Umrisse unserer politischen
Lage dem Qualme der Schlachten entstiegen
waren, die Augen in die neuen Fernen unserer
nationalen Entwicklung richteten, trat
die geistige Gebärde der Ausstellung und
ihrer, in der Tagung des Werkbundes ge-
*) Fritz Schumacher, Ausblicke für die kunsttechnische
Zukunft unseres Volkes. M. 1.—. Weimar,
G. Kiepenheuer.
sammelten Führerworte zutage. Stärker wird
der Chor der Stimmen, die das in ihr vereinigte
Schaffen nicht einen Höhepunkt, sondern
einen Abschluß nennen, die uns zur
Selbstbesinnung, zur ruhigen Betrachtung der
durch den Krieg neu geschaffenen Volks- und
Weltlage mahnen. Hermann Muthesius hat
schon vor zwei Jahren, in charaktervollem
Optimismus, die deutsche Form als die Weltform
der Zukunft hingestellt: Die Vorherrschaft
der germanischen Völker auf dieser
Erde ist heute besiegelt und unter diesen
wird Deutschland die Führung haben; die
deutsche Kunst hat die Aufgabe, der Zukunft
ihren Stil zu geben. Unerreichbar aber bleibt
auch für ihn dies Ziel ohne sorgfältige Kräfteregelung
, ohne Gemeinsamkeitsgetühl, einheitlichen
Gesamtwillen, kurz: ohne Organisation.
Während Muthesius in einer historischen
Analyse der Wandlungen, die unser nationales
Kunstwollen unter dem Einfluß fremder Geschmackskreise
in den letzten Jahrhunderten
durchgemacht hat, das Recht zu seiner Forderung
begründet, stellt sich Fritz Schumacher
, der bekannte Architekt und Baudirektor
der Stadt Hamburg, in einer vielgenannten
Broschüre „Ausblicke für die kunsttechnische
Zukunft unseres Volkes" von
vornherein auf die steile Warte einer kulturpsychologischen
und soziologischen Tatsachenerkenntnis
. Jener spricht, der geborene Agitator
und stets geneigt, dem Bilde der Gegenwart
aus der Erscheinung der geschichtlichen
Bewegtheit kräftigere Lichter aufzusetzen, zu
der großen Menge der hier praktisch und
innerlich Beteiligten. Schumachers Schrift
atmet die feinere Luft eines mehr akademischen
Rationalismus, ohne sich jedoch irgendwie
in trockenerNichts-als-Theorie zu verlieren.
An den etwas schwerfälligen Titel der Schrift
soll man sich nicht Stoßen. Die Wege, die er führt,
sind den Gebildeten gewiß nicht mehr ganz unbe-
kannt,aber die Fernsichten, die er uns weist, sind
von oft überraschender Klarheit und geben uns
Mut, auch noch das Letzte daranzusetzen, um
sie als unser neues Schaffensreich zu erobern.
Einem Dualismus der Kräfte stellt uns
Schumacher gegenüber, wenn wir mit ihm
das Wesen der Kriegszeit nach Maßgabe der
Tatsachen des tektonischen Schaffens zu erfassen
streben. Die wirtschaftlichen Mächte
üben auf die künstlerischen Aufgaben, die
geistigen Strömungen auf die künstlerische
Spracheentscheidenden Einfluß aus. Die Knapp-
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