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ALFRED HAGEL
SUPRAPORTE
heit aller materiellen Mittel, die wir heute
schon spüren, zwingt uns, alles Gestalten in
knappster äußerer Form zu entwickeln; aber
nicht in der des preußischen Klassizismus,
wie er vor hundert Jahren der wundervolle,
aber beschränkte Ausdruck einer aufs Puritanische
gestimmten Zeit war, sondern nur im
Neuanschlagen jener Töne herber Strenge, die
aus den Bauten eines Schinkel und Gilly
erklingen. Die Vielgestaltigkeit und der Bedürfnisreichtum
der modernen Bauprogramme
scheint solcher Vereinfachung hinderlich, aber
die straffere innere Organisation aller technischen
und kaufmännischen Betriebe wird uns
helfen, hier das Typische, das den Geist der
jeweiligen Aufgabe klar herausschälende Formschema
zu finden. Den gleichmäßigennationalen
Boden, auf dem allein solche Ergebnisse erwachsen
können, wird die durch den Krieg
geschaffene Vereinheitlichung unseres Volksganzen
bereiten helfen. Das deutsche Element,
das hier zum Durchbruch kommen muß, ist
nicht in bestimmten, romantisch-historischen
Einzelformen zu finden. Es ist allein Sache
einer Gesinnung, die sich auf das Tun selber
bezieht. Der Deutsche besitzt die Fähigkeit,
und zwar er allein vor den anderen Nationen,
sich in seinem Tun einzusetzen für ein Ziel,
das über den unmittelbaren praktischen Zweck
des Tuns herübergreift, und er ist da am
stärksten, wo er ein solches geistiges Ziel
mit dem praktischen verbinden kann: Und so
darf nicht irgend eine stilistische oder artistische
Absicht für das Wesen unserer Entwicklung
richtunggebend werden, sondern allein ein
sozialer Gedanke, eine Kulturidee. Voraussetzung
aber für eine solche Verinnerlichung
unseres zweckkünstlerischen Wirkens ist die
Geschmacksläuterung desVolkes als des eigentlich
Kunstschaffenden Ganzen. Und auf der
anderen Seite die Besonderheit unserer sozialen
Bauprobleme, die weder dem Indivi-
dualistisch-Geschmäcklerischen, noch dem Abstrakt
-Monumentalen günstig sind: Aufgaben
der Industrie und der Technik, des Massenbedürfnisses
der Wohnung, der Fürsorge, der
Bildung und des Handels sind die Pole, um
die sich der Planet unserer Gedankenwelt
dreht. Der Gegensatz zwischen der subjektiven
Kunst des Einzelnen und der „sozial gefärbten
Kunst des wirtschaftlichen Organisators",
der sich schon in Köln scharf zuspitzte, wird
seiner Schärfe beraubt, wenn jede Partei nur
die ihrem Wesen angemessenen Aufgaben zu
lösen unternimmt. Das große Gebiet der
Wohnungsbeschaffung aber, dessen Bearbeitung
im künstlerischen Städtebau gipfelt, duldet
nur typische, des Individualwillens entkleidete
Werke. Das Wollen des Einzelnen ist dieser
großen Aufgabe gegenüber machtlos und tot
geworden; erst wenn das Wollen vieler sich
zum selben Ziele verbindet, beginnt aus unscheinbaren
Einzelwerten eine lebendige Kraft
aufzutauchen. Es kommt also darauf an, das
Persönliche zugunsten straffer Zentralisierung
einzudämmen. Das gilt aber nicht nur vom
Straßenbild, vom Einzel- und Massenwohnhaus,
sondern auch vom Gerät. Vor der Gefahr,
hier einer leblosen Umformierung anheimzufallen
, kann uns nur ein frühzeitiges, auf breite
Grundlage gestelltes Erziehen der natürlichen
künstlerischen Anlage des Einzelnen und ihr
Ableiten auf die naive Individualisierung des
kunsthandwerklichen Objektes schützen — aber
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