http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_38_1918/0218
an Ausführlichkeit erschöpfte, wo er doch
einen Hinweis auf die Unzulänglichkeit des
Erlebnisprinzipes und der Gestaltungskraft
enthielt. Wer das Buch suchte, eine in sich
erschöpfte und wohl durchkomponierte Darstellung
eines im allgemeinsten ruhenden Gedankens
, fand entweder eine maskierte Dissertation
oder ein gestrecktes Feuilleton. Man
denke an die gelesensten Bücher der Kunstliteratur
und man wird mir ohne Namennennung
recht geben.
Diese allgemeine Sachlage zeigt, daß die
sog. Buchkultur notwendig nur auf ein Aeußeres
gerichtet war, auf den Mantel eines Stockes.
Ich will nicht leugnen, daß in geschmacklicher
Hinsicht einige wertvolle Fortschritte gemacht
worden sind. Die Respektierung des Einbandmaterials
, die wohlklingende Proportionierung
des Deckels, die klare Druckanordnung auf
der Fläche, die Verbesserung der Typen —
all das sind Errungenschaften, die man nicht
EMANUEL VON SEIDL
missen möchte, die aber doch — wenigstens mich
— nicht darüber hinwegtäuschen können, daß
hinter dem schönen Gewände kein lebendiges
Wesen, sondern eine Gliederpuppe steht, ein
Mannequin mit einem recht deutlichen Hinkefuß
. Nirgend wird dieser so deutlich sichtbar
wie in der immer mehr anwachsenden Kategorie
der Bücher mit Abbildungen. Oder ist
es nicht eine fast teuflische Verspottung unserer
sog. Buchkultur, die sich der Autor oder
Verleger mit dem Leser erlaubt, wenn ich
neben einer linken Buchseite, die mich über
die Unterschiede des euklidischen, des Tast-
und des Sehraumes unterrichtet, rechts die
Abbildung einer frühgriechischen Plastik finde,
die zu dem Text nicht die geringste unmittelbare
Beziehung hat und mich außerdem zwingt,
das Gebiet anschauungsloser Verstandesoperationen
und philosophischer Begriffe zu verlassen
und alle meine sinnlichen Spielkräfte
zur Aufnahme der Photographie in Bewegung
zu setzen, so daß ich von
einer Welt in die andere geworfen
und verhindert werde,
in beiden heimisch zu werden.
Wenn aber später der Text die
Betrachtung der Abbildung
erfordert, muß ich zurückblättern
, und dann braucht es
nur die „Tücke des Objektes"
zu wollen, daß die Photographie
die rechte Seite einnimmt
, der Text aber eine
linke, so wird die gemeinsame
Lektüre beider in stö-
rendster Weise unterbunden
und schließlich das Verstehen
überhaupt durch die
ewige Manipulation des Hin-
und Herblätterns erschwert
und unmöglich gemacht. Dieser
Fall einer nutz- und sinnlosen
Zusammenstellung von
Bild und Text ist typisch
für wissenschaftliche und populäre
Schriften, für Schriften
über künstlerische oder
naturwissenschaftliche Themata
.
Und doch sieht man, daß
dieses Unlustgefühl des Lesers
durch die Befolgung eines
sehr einfachen Grundsatzes
vermieden werden kann: die
Abbildung muß die Lesbarkeit
des Textes möglichst
stützen und nicht ihr entgegenarbeiten
. Freilich sind die
HAUS VON YSSELSTEIN
178
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_38_1918/0218