http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_38_1918/0337
Die Hersteller dieser Entwürfe, Modelle
oder Originale sind entweder Handwerker oder
Künstler.
Handwerker, wenn es sich um Dinge handelt,
die mit Feingefühl für Technik, Form oder
Farbe ohne besondere persönliche schöpferische
Note zu gestalten sind (Musterzeichner,
Modelleure, Werkmeister) — Künstler, wenn
es sich um Schöpfungen höherer Art handelt,
z. B. Medaillen, Kunstblätter, Porzellanplastik
und ähnliche zu vervielfältigende Kunst.
Die Güte dieser industriellen Erzeugnisse
hängt also von den handwerklichen und künstlerischen
Mitarbeitern ab.
Diese Industrien haben daher allen Grund,
die Erziehung dieses handwerklichen Nachwuchses
nicht nur den Schulen und dem
Handwerk zu überlassen, sondern auch selbst
darum besorgt zu sein. Einsichtige Industrielle
wenden auch bereits der Lehrlingserziehung
in ihren Betrieben besondere Sorgfalt zu und
die aufzuwendenden Mittel werden sich reichlich
lohnen.
Die Entwirrung des Begriffes Kunstgewerbe
in Handwerk und in Kunst stellt auch die
Gewerbeschulen und Kunstgewerbeschulen vor
klarere Ziele.
Die Gewerbeschulen sollen allen künstlerischen
Aufputz
beiseite lassen
und an Feingefühl
für Technik,
Form und Farbe
herausholen, was
möglich ist.
Die Kunstgewerbeschulen
haben
einesteils diese
selbe Aufgabe
zu übernehmen,
solange die gewerblichen
Schulen
darin versagen
, andernteils
haben sie tüchtige
handwerkliche
Kräfte in die
Einordnung der
einzelnen Berufe
in architektonische
Gesamtaufgaben
einzuweihen
, d. h. den
Gesichtskreis zu
erweitern. Ihre
besondere und
höchste Aufgabe
ist, Talentierte
MAX HEIDRICH
Ausführung: Werkstätten
zur künstlerischen Beherrschung handwerklicher
Techniken zu erziehen, solange
noch keine künstlerischen Meisterwerkstätten
bestehen, die diese Aufgaben übernehmen
können.
Was unter handwerklichem Feingefühl zu
verstehen ist, soll folgendes Beispiel klarmachen
: Ein Architekt will einen Innenraum
farbig abgestimmt haben, leichtes
warmes Grau mit abgesetzten roten Linien.
So einfach die Sache aussieht, so wird
doch nur ein fein geschultes Malerauge
die Töne harmonisch und dem Räume entsprechend
lösen können. Die Erziehung
hierfür setzt ganz andere Schulung voraus,
als sie heute die Praxis oder die Schule
bietet und der Architekt sieht sich oft gezwungen
, für solch einfache Dinge einen
Künstler zu Rate zu ziehen, weil der Handwerker
versagt.
Solche alltägliche Aufgaben, die nur mit
einem gewissen Feingefühl zu lösen sind,
gibt es in allen handwerklichen Berufen, aber
gerade hierfür fehlt meistens die Schulung,
während schaaler ornamentaler Kram gelehrt
wird. Erlösen wir also das Handwerk von
der Kunst, und es wird seine natürliche und
gesunde Entwicklung finden. Dafür wollen
wir mehr Handwerk
in die Kunst
bringen, damit
durch sie jene
Werte wieder erstehen
, die wir
an alten Schätzen
so bewundern
und die zu
erreichen nicht
Aufgabe des heutigen
Handwerks
sein kann.
Lassen wir also
das „Kunstgewerbe
" in der
Versenkung verschwinden
und
gewöhnen wir uns,
unter Handwerk
auch ohne sogenannte
Kunst etwas
Vollwertiges
zu verstehen.
Handwerkliche
Meisterwerke im
alten Sinne wird
dagegen die Kunst
schaffen müssen.
K. Gross-Dresden
SCHREIBTISCH
Bernard Stadler, Paderborn
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