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ARCH. EDMUND MAY-KöNIGSBEKG
JAGDSITZ HEIDEHOF: WIRTSCHAFTSGEBÄUDE
LANDHAUSER VON PROFESSOR EDMUND MAY
Zum ersten Male trat der Name Mays an
die große Oeffentlichkeit, als er, der frei
schaffende Architekt, aus seiner bisherigen
Tätigkeit zum Direktor der Kunstgewerbeschule
in Königsberg ernannt wurde. In Berlin war
er bis zum Tode Alfred Messels 1P09 lange
Jahre dessen Mitarbeiter und künstlerischer
Leiter seines Ateliers gewesen. Es liegt in der
Natur der Dinge, daß sein Name bis dahin
verhältnismäßig wenig bekannt bleiben mußte.
Und es liegt vielleicht auch an seinem Stil
und der Art der von ihm selbst ausgeführten
Bauten. Ein Teil davon ging, wie es bis
heute noch der m. E. sehr ungerechte Brauch
in der Architektenwelt ist, unter dem Namen
Messels. Historische Bauten und solche mit
leicht einprägsamem Plakatcharakter, wie es
z. B. für Theater- oder Warenhausbauten nötig
ist, hat er bisher nicht geschaffen. Aus der
Zahl seiner Bauwerke aber sind einige Landhäuser
so glückliche und individuelle Schöpfungen
, daß man an ihnen Mays Eigenart gut
erkennen kann.
Der „Heidehof" ist der Jagdsitz eines kunstliebenden
Berliner Großkaufmanns. Die Aufgabe
bestand im wesentlichen darin, eine
Anzahl von Wirtschaftshäusern und das eigent-
lichejagdhaus in einen einheitlichen Zusammenhang
zu bringen. Denn zu den Wirtschaftshäusern
gehörten neben den Leutewohnungen
und mannigfachen Ställen noch ein Kraftwagenhaus
, Scheune, Hundezwinger und Geflügelhaus
. Das Jagdhaus sollte die erforderlichen
Räume und Fremdenzimmer für die zu veranstaltenden
Jagden enthalten, zugleich aber
auch als Sommer- und Winteraufenthalt für
die Familie dienen können. Die Schwierigkeit
lag in der Anordnung der Wirtschaftsgebäude
; ein Blick auf die Abbildung zeigt
die fast spielende, auffallend glückliche Lösung
dieser Frage. Sämtliche Wirtschaftsgebäude
sind zu einer Einheit zusammengefaßt, und
zwar so ausgezeichnet, daß man zu einem rein
ästhetischen Genuß kommt. Und dieser Genuß
liegt in der „Proportionalität", der Gliederung
und Durchbildung dieser langen Front. Und
es sind sehr wenig Architekten, die Edmund
May hierin annähernd gleichkommen.
„Keine Lehre ist von der modernen Kunstgeschichte
so eindringlich gepredigt worden
wie die, daß die schöne Proportion in der
Baukunst schlechthin ein Unmeßbares sei,
nur vom Gefühl zu erfassen und nur frei vom
genialen Instinkt zu erzeugen." Der berühmte
Wiener Professor der Aesthetik, Friedrich Jodl,
nennt die richtige Wahl der Proportionen
„recht eigentlich ein Grundproblem für den
Architekten". Denn die „Proportionalität weist
über die reinen Formgesetze der ästhetischen
Wirkung nach dem assoziativen Faktor im
Schönen . . . nach den Phantasiebildern, die
wir mit der Anschauung bestimmter Formen
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