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KLEINES AMERIKANISCHES LANDHAUS MIT TERRASSE
DIE VERPFLICHTUNG ZUR FORM
(AUS EINEM VORTRAGE)
Goethe sagte einmal über Künstler und
Kunstwerk: „ Den Stoff sieht jedermann
vor sich, den Gehalt findet nur der, der etwas
dazu zu tun hat, die Form aber ist ein Geheimnis
den meisten." Und mehrfach hat er sich
dahin ausgesprochen, daß gerade den Deutschen
das Verständnis für die Form schwer falle.
Nach Jahrzehnten, ja Jahrhunderten, der Stellung
in der zweiten Reihe, der Nachahmung
von Fremden, hat Deutschland in den letzten
zwanzig Jahren mit Erfolg in Kunstgewerbe
und Architektur Eigenes zu schaffen unternommen
. Die Bewegung, die in der Mitte der
neunziger Jahre einsetzte, trägt heute bereits
reiche Früchte. Die Sorge also, die sich noch
vor zwanzig Jahren der Deutsche machen
konnte, ob es ihm wohl möglich sein würde,
in geschmacklicher Beziehung mit unseren
westlichen Nachbarn den Wettbewerb aufzunehmen
, ist heute überflüssig. Die Frage kann
nicht mehr sein, ob Deutschland hervorzutreten
wagen kann, sondern ob es den Willen
hat, seine schon vorhandenen künstlerischen
Leistungen zur Entfaltung und vor allem zur
Betätigung in seinem breiteren Volksleben zu
bringen.
Hier treffen wir auf den Punkt, auf dem
es noch Berge von Arbeit zu erledigen gilt.
Es ist richtig, daß wir heute vollendete Inneneinrichtungen
erzeugen können, allein die
deutsche Durchschnittswohnung ist dennoch
angefüllt mit minderwertigem Gerät. Es trifft
zu, daß der Hausbau ungeheure Fortschritte
gemacht hat, und dennoch wird unser Land
noch in großem Umfange entstellt durch häßliche
Bauten. Und um zu begreifen, wie wenig
der Staat bisher die guten Kräfte im Kunstgewerbe
herangezogen hat, brauchen wir nur
einen Blick auf unsere Banknoten und Briefmarken
zu werfen. Der Aufschwung im Kunstgewerbe
hat also den alten deutschen Zustand
der Gleichgültigkeit gegen die Form noch nicht
zu beseitigen vermocht. Vielfach hört man sogar
die Behauptung, daß die neuerdings geforderte
Betonung der Form zu einer Ver-
äußerlichung führe, daß sie die alten deutschen
Vorzüge der Schlichtheit, Innerlichkeit
und Gemütstiefe zu beeinträchtigen drohe.
Dekorative Kunst. XXI. n. August 1918
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