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BRUNO GOLDSCHMITT B GOBELIN-ENTWURF: FROHLING UND
SOMMER. AUSFÜHRUNG: MÜNCHENER GOBELIN-MANUFAKTUR
Der Wandertrieb, der ruhelos in ihm
wogte, lockte ihn ins Weite. Er durchwanderte
nach der Art fahrender Schüler
mit leichtem Beutel und leichtem
Gepäck, aber auch mit leichtem Herzen
Deutschland, marschierte ziellos
auf und ab, sah weite Landschaften,
große Ströme, alte Städte, hohe Dome,
schlichte Menschen und hörte treue
Herzen schlagen. Zurückgekehrt nach
München, ging er wieder auf die Akademie
, zeigte sein Skizzenbuch her und
fand nun bei Stuck Aufnahme, aber gewissermaßen
nur als Zuschauer, denn
er beteiligte sich so gut wie gar nicht
an der Aktmalerei der Klasse. Er konnte
auch immernoch nicht seßhaft werden.
Es trieb ihn wieder fort. Diesmal an
den Bodensee, wo er mit einem Häuflein
gleichgesinnter Kunstjünger eine
Naturmenschen-Kolonie gründete. Aus
dieser Zeit sind mir Landschaften bekannt
, die als unmittelbarer Niederschlag
des Aufenthalts am Bodensee
gelten können. Es sind Pastell- und
Temperabilder von herber Stilisierung,
ganz eigenartig in der nuancenreichen,
dabei ohne weiche Uebergänge auf
starke Flächenwirkung hin behandelten
Grünmalerei; als Symphonien in Grün
habe ich diese Frühwerke im Gedächtnis
. Goldschmitt las damals mit Begeisterung
Scheffels „Ekkehard"; saß er
doch mitten im Schauplatz der Handlung
des Romans. Er schuf auch einige
Ekkehard-Landschaften, zum Beispiel
das Hegau mit dem Hohentwiel und
den benachbarten Höhen, und, wie es
so geht, glitt darüber sein Interesse
unversehens von der Landschaft zu den
Menschen des Romans. Besonders war
es das wie ein Edelstein in den Roman
eingekapselte wilde Walthari-Lied, das
ihn packte und zu malerischem Nachschaffen
reizte. Das blutige Kämpfen
tat es dem Mann mit dem altdeutschderben
Humor an: er zeichnete ein
Blatt mit den wunden Recken des Wal-
thari-Liedes, und damit stand der spätere
Goldschmitt, der Mann der derben
Freskenzyklen und Holzschnittfolgen,
verheißungsvoll auf. Heute, fast ein
Jahrzehnt nach dieser Ekkehard-Periode
Goldschmitts, fragt man sich erstaunt
, warum es keinem deutschen
Verleger einfiel, sich, als neuerdings
der Ekkehard „frei" wurde und in zahlreichen
, darunter auch illustrierten
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