Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 38. Band.1918
Seite: 357
(PDF, 105 MB)
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die Schablone herangezogen, nicht für diese
oder jene Straße beispielsweise das Giebelhaus
oder das Haus mit dem flachen Dach
gedankenlos vorgeschrieben werden. Trotz
gleichartigen, den gleichen Bedürfnissen dienenden
Hausformen, können durch kleine Verschiebungen
der Häuser in der Straßenflucht
Abwechslungen erzielt werden.

Der Empfindungdes reifen Baukünstlers sollte
es überlassen sein, die dorfmäßige Straßenwirkung
durch rhythmische Anordnung von
Häusern mit Giebel-, Walm- oder flachen
Dächern zu schaffen.

Durch geordnete Anpflanzung von Pappeln
oder anderen geeigneten Baumarten erfahren
die an sich gleichen Baukörper in dem Straßenzug
eine wirkungsvolle Belebung. An verkehrstechnisch
bedingten Straßenverbreitungen kann
durch besondere Zusammenfassung der umliegenden
Bauten ein „Dorfplatz" ohne besondere
Mittel entstehen; ebenso wird durch
eine geschickte Führung der Straße bei Ueber-
windung von Geländeunterschieden oftmals ein
recht reizvoller Durchblick geschaffen. Der
Abschluß der Hofstellen gegen die Straße ist
einheitlich in schlichter Formgestaltung aufzubauen
. Zur Einfriedigung werden Hecken
oder mit Schlingpflanzen durchwachsene Holzzäune
gewählt; Buchen- und Taxuspflanzen
können durch regelmäßigen Beschnitt gleichmäßig
dicht, gleich hoch und in einer architektonischen
Gliederung als natürlicher Zaun
erhalten werden.

Hinter dem Zaun liegt der Garten. Der
Hausgarten als solcher ist mit der Wohnung
in engster Verbindung nach den Gesetzen
der Raumgestaltung anzulegen. Wieder die
Laubwände geben hier am besten das Raumgebilde
, ungeteilte Rasenflächen den Fußboden
. Der feste Tisch und die Bänke unter
dem Nußbaum, in der Laube verkörpern
ein Heimgefühj im Garten, die Ruhe des
Feierabends, den Sonntagsfrieden. Der plattenbelegte
Weg führt durch Buchsbaum eingefaßte
Rabatten zum Gartenhaus. Als geistiger
Mittelpunkt des Gartens sei dieses einfach
und anspruchslos. Je nach Geschmack und
Farbenschattierung werden früh- und sommer-
blühendeZiersträucherzusammengestellt,neben
Nutzpflanzen, wie Mohn- und starkriechenden
Arzneipflanzen, alles geordnet nach Farbe und
Kulturperioden. Das an den Stall angeschlossene

Gehege ist der Auslauf- und Weideplatz für
die Tiere. Der umfriedigte Wirtschaftsgarten
ist der Länge nach mit einem befahrbaren
Weg zu durchziehen. Beerenobst, Spargel,
Rhabarber werden dem Gebäude am nächsten
angepflanzt, gemischte Grünfutterkräuter für
die Tiere, Kernobstbäume, Stauden und mehrjährige
Krautpflanzen sind auf die übrige Fläche
verteilt.

Was die Baustoffe im besonderen betrifft,
so ist es in ästhetischer wie praktischer Hinsicht
wünschenswert, daß für Wirtschaftssiede-
lungen jeder Baustoff Verwendung findet, der
bodenständig, dauerhaft, anpassungsfähig und
preiswert ist. Bei der Auswahl entscheidet ein
gesundes sachliches Empfinden; die einheitliche
Verwendung der gewählten Werkstoffe
ist im Interesse einer harmonischen und großzügigen
Wirkung der Siedelung zu wünschen.

In unserer gegenwärtigen material- und leutearmen
Zeit muß neben schlichter Formgebung
hauptsächlich auf die Vereinfachung und Ver-
billigung der Konstruktionen, Typisierung von
Bauteilen und Ausstattungsgegenständen geachtet
werden.

Auch der Hausrat sei wie das Haus ländlich
und frei von städtischen Zutaten. Es
handelt sich hier gleichfalls darum, zur Einfachheit
und Gediegenheit zurückzukehren.
Der Schrank, die Bettstelle, der Stuhl soll
nicht nur einen sachgemäßen, formschönen
Aufbau zeigen, sondern auch den Ausmaßen
nach für seinen Zweck bezw. für den betreffenden
Raum geschaffen sein. Die einzelnen
Möbelstücke brauchen aber nicht wie
bisher in der Formhaltung dem Räume nach
verschieden zu sein, im Gegenteil, der Schrank
der Schlafstube muß auch in die Wohnstube
gestellt werden können, ohne dort zu stören.
Die Gebrauchsgegenstände seien frei von unnützen
und störendem Zierat, handlich schön
und zur Ausschmückung unserer Räume wähle
man Landschaftsbilder oder solche aus der
deutschen Geschichts- und Sagenwelt. Lernen
die Siedler so gute Qualitätsarbeit wieder
zu schätzen, so wird dies von selbst
zu einer Wiederbelebung, einem Aufschwung
der Volkskunst führen und in den nach einem
deutschen Frieden entstehenden Ansiedelungen
den gesunden Wurzeln unseres Volkstums
neue Nahrung geben.

Arch. Otto Wulle, D.W.B.

Dekorative Kunst. XXI. 12. September 1918

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