Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 39. Band.1919
Seite: 97
(PDF, 134 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_39_1919/0121
In den mannigfaltigen Aquarellen, die Kobell
geschaffen, läßt sich die Entwicklungslinie vom
späten Barock bis zu einer von aller Überlieferung
freien Darstellung verfolgen. Seine Radierungen
weisen — wenn überhaupt hiervon bei
Kobell die Rede sein kann — einen romantischen
Zug auf, den wir heute als einen Vorzug dieser
Blätter betrachten. Sie gewinnen an Innigkeit
durch die mit besonderer Sorgfalt in die Komposition
eingefügte menschliche und tierische
Staffage. Das Landschaftsbild an sich ist einfach
gesehen und möglichst linear zur Darstellung
gebracht.

In der Gesamtdarstellung von München ist
die Stadtsilhouette nur als ein zartes Band zum
Abschluß einer weiten Ebene mit feinen, gleichmäßigen
Strichen gezeichnet. Der Himmel wird
in allen Blättern mit wenigen Schraffierungen
angedeutet. Die weite Fläche des Vordergrundes
dagegen belebt ein vielfiguriges Erntebild.
Der in den Hintergrund sich schlängelnde Weg
auf der Ansicht des in eine Mulde gebetteten
Dorfes „Schwabingen" läßt die Absicht eines
tiefgestaffelten Bildes wohl erkennen, aber erst
in den beiden Blättchen Giesing und Bogenhausen
zur Geltung gelangen. Besonders in dem
ersten ist mit fast den gleichen Mitteln, bei
schärferer Akzentuierung der Kontraste, eine
von Licht und Luft umflossene, weitgedehnte
Landschaftsdarstellung erreicht.

Mit diesem Radierungszyklus wird das künstlerische
Gesamtbild des Meisters auf das glücklichste
erweitert und ergänzt. Hier tritt er so

recht als der Künder der deutschen Landschaft
, als den wir ihn heute am meisten schätzen,
hervor. Hier zeigt er seine ganze Vollendung,
sein tiefes Verständnis für das der deutschen
Kunst Erforderliche, sein selbstsicheres Auftreten
und Betreten neuer Bahnen, sowie das
rückhaltlose Ablehnen überkommener, nun aber
überwundener Anschauungen.

In den großen Landschaftsgemälden merkt
man das redliche Bemühen, ganz naiv das zu
geben, was das Auge sieht; er ist aber dem
Stoffe noch nicht gewachsen. Hier, in diesen
köstlichen kleinen Radierungen, sind alle
Hemmnisse überwunden und alle eklektischen
Einflüsse abgestreift. Dies ist der große Gewinn
, den wir durch diese Blättchen empfangen,
daß wir durch sie den reifen, freien Künstler
kennenlernen.

Kobell war aus der Rheinpfalz gekommen
und dort unter dem Einfluß seines noch ganz
in dem herrschenden Klassizismus schaffenden
Vaters erzogen worden. An der Wende des
Jahrhunderts, da sich allmählich die einzelne
Persönlichkeit von den Fesseln überkommener
Kunstanschauungen befreit, findet Wilhelm von
Kobell als einer der ersten den Weg, den nach
ihm in München eine ganze Reihe bedeutender
Künstler —• wie der allbeliebte Wagenbauer,
Georg Dillis, Neureuther, Peter Heß und Lorenz
Quaglio — gegangen sind und das unter Ludwig
Ii erblühende Kunstleben der bayerischen
Hauptstadt begründeten.

Karl Schwarz

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