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OLAF GULBRANSSON BERNT GRÖNVOLD
OLAF GULBRANSSONS BILDNISSE
Uber Gulbransson als Karikaturenzeichner ist
schon viel gesagt und geschrieben worden,
viel Richtiges und viel Falsches. Jedenfalls unterliegt
es keinem Zweifel, daß wir in ihm die
weitaus stärkste Kraft anzuerkennen haben, die
Deutschland auf dem Gebiete der politischen
Karikatur besitzt. Damit soll keineswegs der
Versuch gemacht werden, den Künstler seinem
rechtmäßigen Vaterlande Norwegen wegzueska-
motieren, weil er seit sechzehn Jahren dauernd
in München lebt. Er hat sich aber dermaßen seiner
neuen Umgebung angepaßt, daß er auch in
seiner Kunst viel Münchnerisches-Allzumünch-
nerisches angenommen hat.
Immer war es die Linie, die seinen Stil beherrschte
, die ihn im Kontur eines Kopfes,
einer Gestalt, eines Tieres, einer Landschaft
gleicherweise anzog, und das bis zum äußersten
entwickelte Feingefühl für den Schwung
und die Schönheit der Linie verbindet sich in
all seinen Zeichnungen mit der ihm eigenen
kraftvollen Ruhe und Sicherheit der Hand um
Werte zu schaffen, die bleibend sind, weil sie
einer tiefen persönlichen Empfindung entsprin-
Die Kunst für Alle. XXXIV. 7/8. Januar 1919
gen und weil sie, wie jedes echte Kunstwerk,
unter Schmerzen geboren wurden.
Er sagte mir einmal—und es liegt viel Selbsterkenntnis
in diesem Stoßseufzer: — „Was soll
ich nur anfangen, wenn mir bei zunehmendem
Alter die Hand zu zittern beginnt?!" — Freilich
, dann wär's um den Hauptreiz seiner Besonderheit
geschehen. Aber wir wollen von diesem
durch allerlei Sport und Leibesübung zu
seltenem Ebenmaß entwickelten Körper hoffen,
daß er bis ins höchste Alter dem Willen und
Wollen seines Trägers gehorsam bleibe.
Schon frühzeitig hat ihn das Bildnis gereizt,
aber immer das karikierte. Mit 16 Jahren bereits
, als er mit seinem Jugendfreunde, dem
Dichter Johan, die heimischen Wälder durchstreifte
, zeichnete er für das Witzblatt „Tyre-
hans" in Christiania. Damals entdeckte ihn
Gunnar Heiberg und veröffentlichte im „Verdensgang
" einen vielbeachteten Artikel über ihn.
1900 taucht er im „Transvikspostens Redaktor"
auf, dessen Karikaturen Albert Langen auf den
jungen Künstler aufmerksam machten. Im selben
Jahre ging er nach Paris, um dort bei
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