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anzulegen. Das Modellstudium trat zurück hinter
der Wichtigkeit, etwas Typisches aufzustellen
und die Naturform zugunsten einer Stilform
zu überspannen. Auf der Berliner Secession 1916
erschien ein lebensgroßer schreitender, nackter
Jüngling. Er trug die Merkmale dieser Überstilisierung
an sich und wirkte dadurch, trotz
des zarten Reizes in seiner Gesamterscheinung,
zu absichtlich archaisierend, glatt und gezerrt.
Für Huf war diese Jünglingsfigur eine durchaus
aufrichtige Angelegenheit; eine Auseinandersetzung
mit sich selbst, eine Abrechnung,
eine Richtschnur. Er erfuhr jetzt, wo die Gefahr
fritz huf
lag, wenn die Reduktion auf die Spitze getrieben
wurde. Seine gesunde künstlerische Empfindung
wies ihm den neuen Weg. Die Einkehr
und die neuen Ziele läßt am nachdrücklichsten
Hufs Bildnisplastik erkennen, welche
jetzt in den Vordergrund seines Interesses trat.
Der Kopf Rainer Maria Rilkes trägt die
Spuren jener absichtlichen Veränderung der
Naturform, wie sie der schreitende Jüngling
in der Freiplastik besonders markiert hat. Rilkes
Züge vertrugen die leichte Abwandlung und
keusche Archaisierung; aber Hufs Ehrlichkeit
konnten der stilisierte Kopfkontur und die
ins Dekorative hinübergespielte
Kurve des Schnurrbartes auf die
Dauer nicht befriedigen. Er
hatte sich für die Einfachheit
entschieden, und die Einfachheit
durfte nicht von einer bestimmten
künstlerischen Absicht
diktiert sein, sondern
mußte sich aus der Natur selber
ergeben. In der Büste Olaf Gul-
branssons (Abb. S. 167), welche
derjenigen Rilkes zeitlich folgte,
ist der Umriß des Kopfes keine
um ihrer selbst willen gezogene
Bogenlinie mehr. Die Natur ist
nur in knappester Weise wiedergegeben
. In der Straffung
dieser Schädelkurve ist ein nicht
gewöhnliches Maß von Energien
festgehalten. Die Modellierung
verzichtet auf gewaltsame
Eckigkeiten, ist rundlich,
einfach, natürlich. Das geistig
Bedeutsame, welches Huf in den
Kopf Rilkes zu legen wußte,
war nicht an die über das Natürliche
hinaus gesteigerte For-
mengebung gebunden. In dem
Gesicht Gulbranssons zuckt es
allseits wie aus inneren Spannungen
auf, und die weit vorwärts
blitzenden Augen sind
ganz Geist. Huf hat die romantische
Wallung der ersten Anfänge
überwunden, hat die bis
zur Starrheit getriebene Vereinfachung
hinter sich gelassen —
aber er hat aus jener Jugendzeit
das Temperament herübergerettet
, und die Zeit des schreitenden
Jünglings hat ihm die
Erkenntnis für Maß und Haltung
gebracht.
Das Porträt Kolbes (Abb.
Rötelzeichnung S. 172) zeigt den Dargestellten
170
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