http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_39_1919/0213
ADOLF v. MENZEL
HANDSTUDIE
HÄNDE
Die Hand in der Malerei soll weder ausschließlich
als Gegenstand an sich, also nicht als
eine in der Ausformung stillebenmäßige Erscheinung
betrachtet werden, noch soll lediglich
ihre Geltung im Bildnis, wo sie entscheidend
mitspricht, Parallelen schafft und Bekräftigungen
gibt, erörtert werden. Wätzoldt
hat die feine Formel gefunden, daß die Hand
im Bilde „Verkünderin menschlicher Innerlichkeit
" sei, und daß es drei Wege gebe, das zu
bekunden: es käme in Frage die Hand nach
ihrer äußerlichen Bildung, die Hand nach der
Art ihrer Bewegungen
, also die
gestikulierende
Hand, und die
Hand nach der
Feinheit ihrer
Empfindung, als
Tastorgan.
Wie sehr die
ruhende Hand, die
Hand als Stilleben
oder die getreu abgeschilderte
Hand
im Sinne des Porträts
, Stimmungsträger
und Cha-
rakterverkünder
zu sein vermag,
beweisen die Hände
auf den drei
Selbstbildnissen
Albrecht Dürers
J. B. GREUZE
von 1493 (Paris), 1498 (Madrid) und 1500 (München
). Es sind physisch die gleichen Hände: die
des einundzwanzigjährigen Jünglings, der die
Blume Männertreu hält, als ginge es auf die
Freite, die des sechsundzwanzigjährigen eleganten
Weltmanns, der fast modisch aufgeputzt
erscheint und seine Hände lässig ineinander-
gelegt hat, ruhend, sinnend, und die tatkräftige
Rechte, die dem reiferen seßhaften Manne
gehört, die Hand, die den Pelz umschließt und
zusammenfaßt. Dürers Hand ist keine sogenannte
„schöne Hand", ihr fehlt die weiche Rundung
, die Zartheit,
fehlt die nervöse
Durchgeistigung;
aber es ist eine gescheite
, geschickte
, sympathische
Hand; man staunt,
wie beweglich sie
ist, gewinnt besonders
vor der Hand
des Münchner Bildes
Ehrfurcht,
wenn man das Ge-
äder betrachtet,
das wie ein Netz
im Hochrelief die
Hand überspinnt.
Merkwürdig: die
Hand Dürers
spricht, wenn man
sie vom Inhalt des
Bildes sondert und
AUS DEM ZERBROCHENEN KRUG
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