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albrecht dürer
jesus und die schriftgelehrten
tion zu erfüllen; sie dürfen nicht nur als
Einzelbildungen gewertet werden, sondern man
muß sich dessen bewußt sein, daß sie als
Träger der Bewegung, als Parallele der Gebärde
für den Rhythmus des Bildes entscheidend
sind. Es ist Dürers besondere Meisterschaft,
durch die gestikulierende Hand einen Vorgang,
eine Bildhandlung zu charakterisieren und die
Hand im Bild formal
aufs glücklichste und eindrucksvollste
kompositio-
nell einzuordnen. Man
denke nur an sein Gemälde
in der Galerie Bar-
berini in Rom „Der zwölfjährige
Jesus unter den
Schriftgelehrten". Hier ist
das Händespiel bis an die
Grenze des Grotesken getrieben
, ohne daß man den
Eindruck davontrüge, diese
Übercharakterisierung
entspringe einem anekdotischen
oder schnurrigen
Einfall. Vier helle
Hände leuchten im Mittelpunkt
des Bildes auf,
am linken seitlichen und
am unteren Bildrand sekundieren
vier Hände, weniger
betont, aber das
Motiv fein aufnehmend albrecht dürer
und es zum Ausklingen bringend. Nun ist der
liebliche, kindlich reine und doch schon seltsam
durchgeistigte Kopf des Jesusknaben zwar ein
Kontrast zu der unsagbar widerwärtigen Fratze
des Schriftgelehrten, dessen geiferndes, zahnloses
Maul Dürer mit leidenschaftlicher Freude
am häßlichen Detail bildete, wie er kaum stärker
gedacht werden kann, und doch erfährt
dieser Kontrast noch eine
Unterstreichung durch
dieses Nebeneinander der
Hände, nicht allein in
Hinblick auf die Verschie-
denartigkeitihrer Bildung,
sondern auch der Bewegung
und der Stimmung,
die von ihnen ausgeht.
Die Hände des Jesusknaben
haben die ruhige,
klare Linie, sind ein klein
wenig sazerdotal und lehrhaft
, die Hände des Pharisäers
sind verdickt und
gekrümmt, widerwärtig,
verlogen, sophistisch —
man braucht diesem gefährlichen
Textverdreher
nur auf die Finger zu
sehen, um zu wissen, wes
Geistes Kind er ist. Im
Bildganzen aber sehen
betende hände oder vielmehr bewegen
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