http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_39_1919/0232
Stilgefühl; innerhalb jener festen Form fand
man aber zahlreiche originelle und feine Lösungen
, während bei unseren modernen Büsten
schon seit Jahrzehnten eine künstlerische Lösung
überhaupt kaum noch versucht wird.
Rodins krasser Naturalismus, der ihn in Akten
und Büsten unter den Modernen das Ausgezeichnetste
schaffen ließ, hat ihn zu einer Stil-
losigkeit verführt, die in seinem Streben nach
Monumentalität bei seinen Denkmälern mit den
ganz zufällig zusammengestellten Aktfiguren
(wie in den „Bürgern von Calais") sich ebenso
breit macht wie in seinen merkwürdigen kleinen
Marmorklötzen, aus denen lüstern der raffiniert
kokett gearbeitete Teil eines nackten
Frauenkörpers hervorscheint wie eine versteinerte
Muschel aus dem Stein — wohl die wildeste
Entartung des Reliefs!
Auch im Relief sucht Engelmann den Anschluß
an die alte stilvolle Kunst. So, um hier
ein Beispiel vorzuführen, in den „Trauernden
Frauen" vom Grabmal Rheinhold in Hannover.
Diesen schönen Grabesschmuck hat schon einer
der berühmten griechischen Sarkophage in Konstantinopel
, und viele Jahrhunderte später erfindet
ihn die französisch-burgundische Kunst
der Spätgotik von neuem für denselben Platz.
Doch nur den schönen Gedanken entlehnt der
Künstler der alten Zeit, in der Ausführung hat
er, dem Platz entsprechend, an dem die Klagefrauen
angebracht sind, ein ganz flaches Relief
angewendet, während sie an jenem griechischen
Sarkophag einzeln zwischen kleinen Säulen in
Hochrelief angebracht sind, und an den burgundischen
Steinsärgen die trauernden Mönche,
die den Leichenkondukt versinnbildlichen, in
kleinen Freifiguren die Seiten der Totenkiste
schmücken.
Auch darin schließt sich Engelmann älteren
Vorbildern an, daß er bei einem Standbild statt
ein getreues Pcrträt der Person zu geben, wie
Deutschland deren nur zu viele besitzt, eine
allegorische Gestalt als Personifikation ihres
Wirkens hinstellt. Daher zeigt sein Wildenbruch
-Denkmal einen nackten Krieger im Vorschreiten
, im Begriff sein Schwert zu ziehen,
um dadurch die Kriegspoesie und zugleich die
Betätigung des Dichters auf den deutschen
Schlachtfeldern zu feiern.
So bieten diese neueren Arbeiten Richard
Engelmanns, in höherem Maße noch als die
früheren, neben denen einiger gleichstrebender
älterer und jüngerer Bildhauer die hoffnungsvolle
Aussicht, daß unsere deutsche Kunst
doch aus den Irrungen und Wirrungen der
neuesten Kunstrichtungen ihren Anschluß an
unsere ältere Kunst wieder finden wird, daß
sie auf der gesunden Basis echter Naturempfindung
und Naturkenntnis zu einer stilvollen
Formenauffassung, zu einer echten, schlichten
und gemütvollen nationalen Kunst wieder gelangen
wird. W. von Bode
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