http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_39_1919/0280
hans meid
am cafe josti
AUFBAUENDES KUNSTGEFÜHL UND KÜNSTLERISCHE
ZERSTÖRUNGSTENDENZEN IN FRANKREICH
I.
Als im Anfange des Krieges der Deutsche
l Kaiser erklärte, der einfachste Soldat sei
ihm teurer als die ganze Kathedrale von Reims,
goß die ganze Presse der Entente ihre Entrüstung
über diesen Barbaren, diesen Hunnen aus
und bemerkte höhnend, daß die deutschen Soldaten
, die dem Kaiser wertvoller dünkten als
französische Baudenkmäler, weder in der Vergangenheit
noch in der Gegenwart Kunstwerke
geschaffen hätten, die auch nur annähernd
Frankreichs Kathedralen die Wage zu halten
vermöchten.
Als jedoch der Franzose Maurice Barres ebenfalls
im Anfang des Krieges fast wörtlich den
gleichen Ausspruch tat: „Ich ziehe den bescheidensten
französischen Infanteristen unsern Meisterwerken
vor", wurde von der gleichen Ententepresse
einstimmig der „elan de patriotisme" von
Barres gerühmt und noch heute nach Beendigung
des Krieges wird dieser Ausspruch des
Vorkämpfers für den Schutz der französischen
Kirchenbauten Maurice Barres zur Ehre angerechnet
.
Schlagender und grotesker läßt sich die Ungerechtigkeit
und Böswilligkeit der französischen
Propagandisten nicht bloßstellen als durch
den Vergleich der Interpretationen, den der
gleiche Ausspruch im Munde des Freundes und
des Feindes gefunden hat. Trotzdem es jedem
menschlich Empfindenden begreiflich sein sollte,
daß im Angesicht der Todesnot dieses Krieges
von beiden Seiten ein solches vom Mitleiden getriebenes
Wort in die Welt gesetzt wurde, ist im
Laufe dieser Jahre in der französischen Tagespresse
— eine Zeitlang täglich — gerade unter
Hinweis auf den Ausspruch des Deutschen Kaisers
zu beweisen versucht worden, daß die Deutschen
ein barbarisches Volk sind, dem jeder
Kunstsinn mangelt. Die gleichen Dichter und
Gelehrten versicherten in Versen und Prosa-
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