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liehen seiner Kunst weiterwachsend, im Wesen
getreu geblieben. So sehr ihn auch die reinmalerischen
Probleme beschäftigten, er gab darüber
, wie er es auch in seinen künstlerischen
Anfängen gehalten hatte, den Stimmungsgehalt
nicht auf, verzichtete nicht darauf, in seinen Bildern
eine jenseits der Technik weiterschwingende
und den Beschauer zwingende Idee zu
verlebendigen.
Nach einer langen Pause der Zurückhaltung
trat Exter vor Jahresfrist mit einer stark und
herzlich für seine Kunst und sein Wesen zeugenden
Ausstellung im Münchner Kunstverein
hervor. Im Mittelpunkt der Ausstellung fand
man ein arkadisches Bild, ein Bekenntnis an die
Schönheit und das Leben; wundervolle Akte
in eine überschattete Landschaft mit sonniger
Ferne gestellt (Abb. S. 253). Malerisch stark und
eigenartig, zieht an dem Gemälde doch vor allem
das Stoffliche oder vielmehr die Steigerung des
Stofflichen in die Idee an. An das Karfreitag-Bild
von einst wurde man durch ein Gemälde gemahnt
, das den Schmerz der heiligen Frauen,
den wilden Ausbruch tiefsten Wehs im Augenblick
des Kreuzestodes Jesu Christi mit edlem
Pathos in überzeugender Kraft vergegenständlicht
(Abb. S. 256). Daneben wieder ein
Familienbild von schönster Verinnerlichung, im
Rhythmus der Komposition den Zusammengehörigkeitsgedanken
betonend, oder eine von
aller Fülle des Herbstes gesegnete Obsternte
(Abb. S.257). Ein fein studierter, dabei breit und
groß hingestrichener Frauenakt (Abb. S. 252)
und, malerisch eine entzückende, kleine Kostbarkeit
, ein Bildchen, auf dem man die Exter-
Schule an der Arbeit sieht — es ist Freilicht-
Akt gestellt und die Herrschaften malen im
durchsonnten Wald eifrig und hingegeben und
fangen voll Lust die Stimmung ein (Abb. S. 255).
Neben anderen Bildnissen endlich zwei Selbstporträte
des Künstlers. Das eine (Abb. S. 251) in
der Bildarchitektur noch wie ein letzter, stark modernisierter
Ausläufer der Bildniskunst der Diez-
Schule wirkend: aus dem neutralen, tiefdunklen
Hintergrund der mächtige Kopf mit den beherrschenden
Augen und der ausdrucksvoll modellierten
Stirne herausleuchtend, der weiße
Kragen und das Fleckchen Hemd in Leibischer
Bravour als Ausklang der konzentrierten Helligkeit
hingestrichen. Einige Jahre später das
Selbstbild von 1917: wie ein Beweis, daß die
gründlich geänderte Formensprache der deutschen
Kunst auch Exter nicht unberührt gelassen
. Es kommt, vertieft man sich in Wesen
und Ausdruck des Bildnisses, nicht darauf an,
daß man die bekannte blaue Kontur findet, daß
die modellierende Malerei einer reinflächigen
wich, sondern auf die tieferen geistigen Gründe,
auf das, was hinter dem Malerischen steht, auf
die individuelle Seelenhaftigkeit, die man auf so
vielen Bildern des konsequenten Impressionismus
, der, seines optischen Effektes willen, auch
ein menschliches Antlitz wie ein Stilleben oder
eine Landschaft behandelte, vergebens sucht.
In diesem Sinne war Julius Exter nie ein Impressionist
, wenn er sich auch der Formensprache
des Impressionismus bediente und in
dem Heerbann mitmarschierte. Eine neue
Kunstepoche, wie sie jetzt heraufzuziehen
scheint, wird, wenn sie das Seelenhafte über das
Formale, das Göttliche im reinsten Sinn über
das Vergängliche setzt, Exter bereitfinden und
ihn vielleicht erst zu den reinsten Offenbarungen
seines künstlerischen Wesens mitreißen.
Georg Jacob Wolf
DIE WANDGEMÄLDE HEINRICH ALTHERRS
IN DER ZÜRCHER UNIVERSITÄT
Der in Stuttgart lebende Schweizer Künstler
Heinrich Altherr hat in den Jahren igi5
bis 1917 für das Senatszimmer der neuen Zürcher
Universität fünf Wandgemälde geschaffen*).
Es ist das nicht der erste großdekorative Auftrag
, den der Künstler ausführte. Für die Handelskammer
in Elberfeld malte er schon vor
Jahren ein umfangreiches Wandbild, und für
eine Kirche in Basel schuf er Kartons für
Mosaiken und Glasfenster. Seither ist sein
*) Für dasselbe Gebäude sollte auch Ferdinand Ho dl er
ein großes Wandbild malen (lür die Aula). Es war ihm aber
nicht beschieden, es auszuführen.
Wandstil in wesentlichen Punkten noch gereift
, wofür die Zürcher Gemälde rein schöner
Beweis sind.
Vom Auftraggeber wurde dem Künstler, sehr
verständigerweise und sehr zum Vorteil der Arbeit
, in jeder Hinsicht vollständig freie Hand
gelassen. Altherr hat, da er, wie er sich selbst geäußert
, die bildnerische Darstellung des menschlichen
Dramas als seine Lebensaufgabe betrachtet
, zu dramatischen Themen gegriffen.
Er wählte, wie wir sehen, Motive aus der
griechischen Mythologie, und das aus der Überzeugung
heraus, daß diese ewige Symbole für
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