http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_39_1919/0447
J. W. SCHÜLEIN
Ausstellung der Münchner Neue?i Secession
FELDARBEIT
DIE AUSSTELLUNG DER MÜNCHNER NEUEN SECESSION igig
Einst schien über der Pforte der Münchner
Neuen Secession mit mystisch-unsichtbaren
Lettern ein Satz Maeterlincks geschrieben:
,,Schlafen wir auf unserer Vergangenheit nicht
ein! Je glücklicher oder glorreicher sie ist, desto
verdächtiger muß sie uns werden, sobald sie
sich wie ein Gewölbe über unserem Leben zu
runden trachtet, sobald sie nicht unablässig
unter unseren Blicken sich wandelt. . . ."
In der Abkehr von der Tradition schien das
Merkwürdige und Bedeutsame der Gruppe zu
liegen. Auch wer sich mit den in diesen Ausstellungen
gezeigten Kunstwerken und in die
Erscheinung tretenden Persönlichkeiten nicht
befreunden konnte, mußte anerkennen, daß hier
ein Häuflein zielbewußter Leute zusammengetreten
sei, das gesonnen schien, der Stagnation
im Münchner Kunstleben, der überstarken
Betonung der Tradition entgegenzuwirken. Diese
Hoffnung trog nicht. Indessen darf nun auch
nicht, wie es leider geschieht, der Fall eintreten,
daß eine andere Art von Tradition entsteht,
eine Tradition, die man Selbstkopie oder Inzucht
nennen muß. Es ist nämlich an dem,
daß allmählich jede Ausstellung der Neuen Secession
wie der Abklatsch der vorausgegangenen
erscheint; es bildete sich wie bei anderen
Gruppen eine Tradition im Austeilen der Plätze
und im Hängen, die Mitgliedschaft und die
Ausstellungsmöglichkeit für Nichtmitglieder
bleibt allzu eng begrenzt, und — was am bedenklichsten
ist — die Entwicklung der Gesamtgruppe
gerät ins Stocken, weil auch die Einzelleistungen
merkwürdig stationär geworden
sind.
Das soll nicht heißen, daß die diesjährige
Die Kunst für Alle XXXIV.
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