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JOSEPH WACKERLE
Es ist noch nicht viel länger her als ein Jahrzehnt
, seit Joseph Wackerle, damals ein
junger Künstler in der zweiten Hälfte der
zwanziger Jahre, mit seinen Porzellanplastiken
hervortrat und mit einem Schlage als eine
scharf umrissene künstlerische Persönlichkeit
vor seinen Zeitgenossen stand. Die Nymphen-
burger Porzellan-Manufaktur, die damals aus
ihrem Dornröschenschlaf erwachte, hatte in
Wackerle einen Meister gefunden, wie sie ihn
seit den Tagen Bustellis und Melchiors nicht
mehr besessen hatte. Wackerle brach nicht mit
der Tradition der Manufaktur, aber er ließ sich
von der Überlieferung nicht unterkriegen, erkannte
nur die künstlerische Verpflichtung an,
die ihm aus ihr erwuchs, setzte ihr aber im
übrigen sein eigenes künstlerisches Wesen mit
allem Nachdruck an die Seite und bewahrte sich
so von vornherein seine Eigenart. Auch ließ
er es sich nicht genügen, die „Spezialität", der
er seine jungen Erfolge verdankte, auszubauen,
der Porzellanplastiker zu sein und nichts darüber
hinaus, sondern schuf, wie es ihn trieb,
Stein-, Metall-, Holzplastiken, schnitzte für Paul
Brann Marionettenfiguren, malte naturalistische
und dekorative Bilder, zeichnete und illustrierte.
Das alles aber, ohne sich zu zersplittern oder
zu verlieren, mit der Selbstverständlichkeit einer
temperamentvollen künstlerischen Persönlichkeit
, die wie Dürer von sich sagte, „inwendig so
voll Figur ist", daß sie mit allen Kräften nach
Ausdrucksmöglichkeiten ringt und die wogenden
Ideen und inneren Gesichte zu gestalten verlangt
, gleichviel in welchem Material es geschieht
oder durch welche Ausdrucksmittel. Dabei
aber doch so, daß die innere Einheit, wie sie
durch das ausgeprägte Wesen des Künstlers bedingt
ist, trotz der Mannigfaltigkeit des Materials
und Ausdrucks erhalten bleibt.
Mit den Majolikafiguren stattlichen Ausmaßes
, mit denen Wackerle der Parkplastik der
Ausstellung München 1908 die eigenartigsten
Lichter aufsetzte, hatte der Künstler einen neuen,
ganz ihm gehörenden Ton angeschlagen. Hier
blieb von der Zartheit der Porzellanplastik-Tradition
nichts mehr stehen. Das Runde, Derbe,
spaßhaft Liebenswürdige und Amüsante der Figuren
, die in ihrer kräftigen und breit-flächigen
farbigen Fassung ein lebensfrohes, bäuerlich-gesundes
Element addiert erhielten, übte eine erfrischende
Wirkung aus. Den Erfolg, den ihm
diese Arbeiten brachten, hat Wackerle späterhin
weiter ausgewertet. Seine darauf fußenden
polychromen Majoliken, die er gern als ovale
Reliefs in Erscheinung treten ließ, sah man auf
der Brüsseler Weltausstellung und fand sie seither
wiederholt als Fassadenschmuck verwendet.
Damit, wie mit einigen Archtitekturplastiken und
Dekorative Kunst. XXII. i. Oktober 1918
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