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PROF. FRITZ SCHUMACHER VERWALTUNGSGEBÄUDE AM DAMMTOR WALL IN HAMBURG
FRITZ SCHUMACHERS BAUTÄTIGKEIT IN HAMBURG
Es ist heute noch nicht allgemein bekannt,
daß Fritz Schumacher in Hamburg eine
große Anzahl öffentlicher Bauten errichtet hat,
die unbedingt zu dem Besten gehören, was
heute auf diesem Gebiete geleistet wird. Wer
sich die Mühe gibt, diese Bauten aufzusuchen,
ist überrascht von der Abgeklärtheit, Schönheit
und großen Wirkung von Schumachers
Architektur. Es mag hier zunächst mitsprechen,
daß in Hamburg nicht, wie in größeren staatlichen
Bauverwaltungen, jener unmögliche
Obrigkeitsbetrieb herrscht, bei dem man sich
dem Wahn hingibt, künstlerische Gedanken
dadurch zu verbessern, daß sie von einer Oberbehörde
„revidiert" und dann von einer noch
höheren „superrevidiert" werden. Schumacher
ist in Hamburg als Schöpfer zugleich die
oberste und alleinige Beurteilungstelle und
künstlerisch für seine Bauten allein verantwortlich
. Er genießt die Selbständigkeit, die sonst
dem Stadtbaurat gegenüber den städtischen
Behörden und die dem Privatarchitekten bei
seinem Bauherrn beschieden ist. Aber auch
unter Berücksichtigung dieses Umstandes sind
unter dem, was Großstädte neuerdings architektonisch
geleistet haben, Schumachers Arbeiten
in Hamburg unbedingt an erster Stelle zu
nennen. Diese Bauten zeigen, daß ihr Schöpfer
die glücklichsten Gaben in sich vereinigt, die
ein Architekt besitzen kann, die Fähigkeit der
geistigen Durchdringung verschiedenartigster
Baubedürfnisse, große Klarheit des künstlerischen
Gedankens, feines Gefühl für das im
höheren Sinne Architektonische und jene Zurückhaltung
, die das Werk vor die Person stellt.
Schumacher hat überhaupt nie zu denen gehört
, die sich hervordrängen. Aber eben deshalb
ist es Pflicht, seine Verdienste ins Licht zu
rücken und nachdrücklich auf das, was er jetzt
in Hamburg schafft, hinzuweisen.
Schumachers in die neunziger Jahre fallende
Jugendanläufe bewegten sich in jener aufs
Großarchitektonische ausgehenden Richtung, die
damals in den Skizzen Otto Rieths und mehr
noch in Bruno Schmitz's Bauten ihre sichtbarsten
Vertreter fand. Aber sein feineres Empfinden
hat ihn doch stets von jenem pomphaften
Kraftmeiertum zurückgehalten, das einen Teil
der letzten deutschen Architektur kennzeichnet
, und das man vielleicht später allgemein
als Merkmal des Zeitalters Wilhelm IL bezeichnen
wird. Ebenso fern stand sein gesunder
Sinn jenem Ichmenschentum, für das sich
die ganze Kulturfrage in dem Wunsche zusammenzog
, die persönlich geschaffene Form
in den Mittelpunkt der Welt zu stellen. Das
Dekorative Kunst. XXII. 4. Januar 191g
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