http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_40_1919/0122
PROF. FRITZ SCHUMACHER-HAMBURG
Das was an diesen Hamburger Bauten, rein
äußerlich genommen, zunächst auffällt, ist die
vollständige Hingabe Schumachers an den nordischen
Backsteinbau. Die Bedeutung dieses
grundsätzlichen Schrittes beruht nicht allein
darin, daß die Baukunst des größten Gemeinwesens
der norddeutschen Tiefebene der bodenständigen
Bauüberlieferung zurückgegeben wird
— gerade der Hauptbau Hamburgs, das Rathaus
, zeigt, zu welchen Ergebnissen das tändelnde
Spiel mit Allerweltsformen führt —
sondern Schumacher hat sich damit in den
Dienst einer Kunst gestellt, die für unsre
ganze zukünftige Entwicklung von Bedeutung
ist und gleichsam ganz von selbst zu Zucht
und Ordnung erzieht. Die Ziegelbauweise,
von der eine gewisse Straffheit und Folgerichtigkeit
nicht zu trennen ist, drängt auf
Kraft und Größe. Der dem Ziegelbau eigene
Ernst des Ausdruckes, die notgedrungene Beschränkung
in Schmuck und Gliederung, die
satte und doch lebendige Farbe des Werkstoffes
tragen dazu bei, die große schlichte
Form zu wahren. Voraussetzung ist allerdings
die richtige Behandlung des Ziegels. Warnend
stehen die harten und kalten Erzeugnisse der
sogenannten Hannoverschen Backsteingotik vor
uns. Jene Zeit, die noch unter der falschen,
das heißt von außen zugetragenen Sucht nach
sogenannten Architekturmotiven schuf, war bis
zum innersten Verständnis des Wesens des
REALSCHULE FÜR ST. PAULI: NORDSEITE
Backsteinbaues noch nicht vorgedrungen. Man
kann auch heute noch sagen, daß gute Backsteinbauten
nur von guten Architekten erwartet
werden können. Die Gefahr liegt vor, daß
Backstein eckig, gläsern und starr erscheint,
daß Ziegelbauten gefühllos und abweisend
wirken. Während im westlichen Europa, vor
allem in Holland und England, die Ziegelbauweise
in guter Überlieferung bis in die neuere
Zeit hineingeführt worden ist, wurde in Deutschland
der Anschluß an die alte durchgereifte
Art erst in unseren Tagen wieder gefunden.
Es sind die Küstenstädte, die im innigen Zusammenhange
mit einer vorhandenen dänischen
Bewegung hier bahnbrechend gearbeitet haben.
Daß sich Schumacher dieser Richtung ganz
angeschlossen hat, bedeutet ein großes Verdienst
nicht nur um die norddeutsche, sondern,
wie gesagt, um die deutsche Baukunst überhaupt
. Dies muß hier besonders hervorgehoben
werden angesichts des in Hamburger Kreisen
hier und da vernommenen Urteils, das sich
über „Eintönigkeit, Mangel an Abwechslung,
Langweiligkeit" beklagt. Solche Meinungen
sind nichts anderes, als menschliches Kleben
am Gewohnten, das sich leider gleichmäßig
auf Minderwertiges wie auf Gutes erstreckt.
Auch Schumachers Wirken in Hamburg ist
ein Kampf gegen die Oberflächlichkeit unserer
Zeit. Aber vielleicht hat gerade der Umstand,
daß er Widerstände besiegen mußte, dazu
96
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_40_1919/0122