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ARCH. ALBRECHT DOERING Q SCHNITZEREI AUS EINEM ANKLEIDEZIMMER (vgl. S. 144)
ALBRECHT DOERING
Die mannigfaltigen Formen des neuen Kunstgewerbes
, wie verschiedenartig sie auch in
ihrer Ausdruckswirkung auftreten mögen, sind
im Grunde genommen alle zu verstehen aus der
neuen Einstellung auf ein einziges Ziel, auf das
Ziel, die Zweckbestimmung eines Gebrauchsgegenstandes
möglichst klar, knapp und sinnfällig
zum Ausdruck zu bringen. Das Zweckvolle
stand so sehr im Mittelpunkt alles künstlerischen
Denkens, daß es über Zweckbestimmung
und Gebrauchswert nur eine Meinung
gab. Der Zweck mußte auf dem kürzesten und
einfachsten Wege erreicht werden, der Gebrauchswert
mit den geringsten Mitteln die
höchste Stufe ersteigen. War das erreicht und
war es zugleich gelungen, den stofflichen Charakter
des verwendeten Materials in werkgerechter
Arbeit sinnvoll zu betonen, glaubte man,
den höchsten künstlerischen Anforderungen genug
getan zu haben.
Zweifellos verstand man es, mit diesen neuen
Kenntnissen und Fähigkeiten, aus den Stoffen
die einzigartigen, ihnen innewohnenden stofflichen
Besonderheiten herauszuheben; verstand
man es, werkgerechte Arbeit zu liefern, d. h.
den einzelnen Stoffen durch besondere Herstellungsweisen
solche Formen zu geben, die dem
Wesen und der Eigenart der Stoffe entsprachen.
Denn man beherrschte die Gesetze der handwerklichen
Gestaltung. Aber noch nicht mehr.
Denn für die räumliche Anschauung, für die
schöpferische Gestaltung neuer, ausdrucksvoller
Formen ist mit dieser, jeder Blütezeit des Kunstgewerbes
vertrauten Forderung nach guter handwerklicher
Arbeit nichts gewonnen.
Trotzdem aber hatte diese Bewegung ihr Gutes
. Dadurch, daß alle Formen und alle technischen
Herstellungsweisen vereinfacht wurden,
dadurch, daß rein gedanklichen Erwägungen bei
der Gewinnung der Formen Rechnung getragen
wurde, war es möglich, die unheilvollen Wirkungen
der in alten Stilanschauungen befangenen
Rückblickzeit zu überwinden. Der bewußte
Rückschlag gegen die aufregende Überladung
prunkvoller und zweckwidriger Schaustücke
, wie sie die Bewegung der neuen Renaissance
seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts
schuf, zeitigte die Einsicht, daß allein einfache,
schmucklose Formen den Zwecken der Gebrauchsgegenstände
entsprächen. Es mußte erst
einmal die Atmosphäre geschaffen werden, in
der künstlerische Absichten und Ziele heranreifen
konnten. Hatte man erst erkannt, daß
schon mit den einfachsten Formen, die ihren
Ursprung allein der Einstellung des Denkens
auf den Zweck des Gebrauchsgerätes verdankten
, Wirkungen eines stimmungsvollen Sondergehaltes
erzielt werden konnten, war der Schritt,
sich wirksam vom Zwecke zu befreien, um nach
rein künstlerischen Zielen auf eine bestimmte
Dekorative Kunst. XXII. 5. Februar 1919
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