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ARCH. ALBRECHT DOERING-KÖLN
BÜFETT (vgl. S. 137)
Ausdruckswirkung hinzuarbeiten, nicht mehr
ferne. So konnte man denn beobachten, wie
die bedingungslose Vorliebe für die einfache
Gerüstform zweckentsprechenden, konstruktiven
Gerätes mehr und mehr hinschwand. Das Auge,
so scheint es fast, suchte nach stärkeren Reizen.
Es genügten nicht mehr die glatten Flächen edler
Werkstoffe, die in ihren mannigfachen
Farbzusammenstellungen nur auf farbige Wirkungen
zielten. Man suchte stärkere Lichtschattenwirkungen
, als sie die glatten Flächen geben
konnten. So bemächtigt man sich wiederum
aller derjenigen Darstellungsmittel, die geeignet
erscheinen, die Ausdruckswirkung der kubischen
Körperhaftigkeit der Dinge zu steigern. Plastische
und reliefgemäße Schmuckformen aller Art
treten an die neutralen Flächen, die für Aufbau
und Gliederung, also für die Klarheit aller konstruktiven
Zusammenhänge keine Bedeutung
für das Auge haben. So werden Gegensätze
zwischen gliedernden und schmückenden Formen
geschaffen, die der Phantasie des Künstlers
in weitestem Maße freien Spielraum lassen,
indem entweder die aufbauenden Gerüstglieder
des Geräts in den Einzelteilen, den Umrahmungen
und Ecken herausgehoben oder, im
Falle eines reicheren Schmuckwillens, die Mittelfelder
der Füllungen reich geziert werden.
Man könnte glauben, dieser reichere Schmuck
sei nur aus einer natürlichen Rückwirkung gegen
die allzu herbe Einfachheit der Formen
entstanden. Dem ist aber nicht so. Denn sonst
müßte dieser Bewegung die innere Spannkraft
fehlen. Da die Neigung, durch die schöpferische
Kraft der Phantasie eine höchste Steigerung
des Ausdrucks zu erzwingen, aller künstlerischen
Gestaltung unserer Zeit eigentümlich
ist, hat sie auch das Kunstgewerbe ergriffen;
und sie ist im Wesen der neuen kunstgewerblichen
Gestaltung verankert. Denn das ist der
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